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1902

Idilia Dubb > Quellen + Editionen


In der Zeitschrift
"Nassovia – Zeitschrift für nassauische Geschichte und Heimatkunde"

hrsg. von Dr. C. Spielmann. – Druck und Verlag P. Plaum, Wiesbaden. - 3. Jahrgang 1902, Nr. 13 vom 1. Juli, S. 161-163 und Nr. 14 vom 16. Juli, S. 176-178

veröffentlichtt C. Trog
die Geschichte von Idilia Dubb; der Herausgeber merkt dazu an:

Der tragische Vorfall, der in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts alle, die von ihm vernahmen – und er wurde in einer ganzen Reihe von Zeitungen erwähnt – tief erschütterte, ist merkwürdiger Weise heute fast ganz vergessen. Selbst an Ort und Stelle will man nicht mehr recht etwas davon wissen. Aber: Quod non est in actis, tamen est in mundo [Was nicht in den Akten steht, ist dennoch in der Welt] – der Herausgeber erinnert sich aus seiner Jugendzeit des Ereignisses noch sehr genau, und der Herr Verfasser kann eine ganze Reihe von Ohrenzeugen namhaft machen. Deshalb soll die Erzählung, die nach den Darstellungen in damaligen Blättern beschrieben ist – das Historische und die Tagebuchstellen sind wörtlich entnommen –, hier ihren Platz finden. Wenn einige Hyperkritikusse sich trotzdem hinein verbeißen wollen, so haben wir nichts dagegen.

Das Drama auf Lahneck


Was ist das beste Leben anders,
als ein Gang zum Grabe? ­

Es ist dem Menschen bestimmt, einmal zu sterben. An dieser Wahrheit zweifelt niemand, jeder weiß daß der Tod kein Alter, keinen Stand und kein Lebensverhältnis verschont, wie das auch das Drama auf der Burg Lahneck zeigt, wo er eine kaum aufgebrochene Menschenblüte knickte, während er an so manchem weltmüden Greise vorübergeht; wo er in einem überaus glücklichen Familienkreise die erwachsene Tochter aus dem Armen der Mutter, vom Herzen des Vaters nahm, während er doch an so manchem Hause vorbei wandelt, wo alle Tage Zank und Streit herrscht.

Der Mensch weiß, daß er einmal sterben muß, er weiß aber nicht, wie und wann und wo er stirbt, und das ist ihm eine große Wohlthat, aber auch eine Mahnung, die ihm der Wahlspruch des Grafen Johann von Nassau, des Stifters der Hohen Schule zu Herborn, in den Worten in die Seele stellt: „Wer stirbt, ehe er stirbt, der stirbt nicht, wenn er stirbt!“

„An des Lebens voller Blüte hängt des Menschen Seele fest,
wie des Taues Perlentropfen in der Rose süßem Nest.
Aber wenn er auf die Erde mit den welken Blättern sinkt,
Folgt er gern dem Strahl der Sonne, der ihn liebend in sich trinkt.“

Unsere kleine Erzählung führt uns in das Jahr 1851 zurück. Die englische Familie William Dubb – Vater Mutter und Tochter – war nach Deutschland gekommen und weilte in der Sonnenstraße unseres Vaterlandes, am Rhein. Dieses glückliche Menschen-Kleeblatt hatte vorübergehend in Koblenz seinen Standort genommen und machte von da aus oft Fußtouren in die reizende Umgebung. Eine solche Fußtour wurde auch eines Tages nach dem schönen Lahnthale unternommen, und die kommende Nacht ward in einem Dorfwirtshause der Gegend verbracht. Früh am Morgen, als die Eltern noch ruhten, wanderte die junge Tochter mit ihrer Skizzenmappe, wie sie es zuvor so oft gethan, allein in den lachenden Frühlingstag hinaus, und – von diesem Gange ist sie nicht wieder zurückgekehrt.

Schwebenden Ganges und mit leuchtender Miene, bekleidet mit hellen, wallenden Gewändern, schritt die schöne Tochter Altenglands an jenem herrlichen Frühmorgen dahin, und ihre vor Entzücken strahlenden Augen ruhten auf der goldschimmernden Gegend voll rauschender Wälder und klingender Quellen, voll weihrauchduftender Wiesen und singender Vögel. Links und rechts am Wege blühten die Obstbäume, womit der Lahngau gesegnet ist. Ein linder Windhauch bestreute sie mit weißen und roten Blüten, wovon der Weg bereits bedeckt war. Hellauf sangen die Vögel in Wald und Wiesen und zirpten die Grillen in dem hohen Grase, dessen buntfarbige Blumen mit den Blüten der Bäume um die Wette dufteten. Dabei läuteten die Glocken der Kirchen und Kapellen in der Runde durch die leis wehende Luft, und es wölbte sich der klarblaue Himmel über den Bergen, über Strom und Wald, über den Dörfern und Städten, daß dem Wanderer in all dieser Pracht die Welt als ein großer, heiliger Dom und das Rauschen der Lahn im Thal, die sich dort bei den beiden Lahnstein mit Vater Rhein vermählt, wie hehrer Orgelton erscheinen mußte.

So war es auch der jugendlichen Wanderin zu Mute, deren Fuß aufwärts strebte zur Höhe hinauf, um von dort aus einen Ueberblick über die Gegend zu gewinnen. Und endlich stand sie droben: zu ihren Füßen lag, wie auf einer plastischen Karte aufgerollt, eine Paradies, und wie trunken blickte sie und verloren auf das schöne Landschaftsbild. Ueber den Strom von drüben grüßten die Zinnen der Königsburg Stolzenfels märchenhaft schön zu ihr herüber; drunten führte der Rhein seine breiten, silberglänzenden Wogen nordwärts, und über ihm stieg der Rauch der Dampfschiffschlote in die Lüfte. Dann traten viele Lahn- und Rheindörfer und –städtchen mit ihren Villen, Gehöften und Mühlen, mit ihren lieblichen Auen, Obst-, Wiesen-, Frucht- und Rebengeländen vor ihren Blick; überall bewegten sich frohe Menschen, lachend, scherzend, singend, Sträuße windend, oder wirkend und schaffend in emsigem Fleiß, was das Brot bringt. In der Seele des jungen Mädchens klang es wie ein Lobgesang, und über ihre Lippen flossen die Worte: „Herr, mein Gott, wie ist deine Erde schön!“ Ja, sie konnte sich nicht satt sehen and er Fülle dieses Wundergartens, den man gern das „Deutsche Nizza“ nennt, und unwillkürlich sang sie leise dem Dichter die Liedworte nach:

„Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt,
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Wald und Strom und Feld!“


Und über ihr, noch höher hinauf, standen im Sonnenglanz die Rudera der Burg Lahneck, welche Frau Sage mit einer Heldenmär umsponnen hat, worin sie zwölf Tempelritter gegen eine große Uebermacht kämpfen und mit dem Rufe in den Tod sinken läßt: „Wir sterben kühn und ergeben uns nicht!“

„Uns aber winkt das Heldenmal
Entgegen und zum Gruße;
Noch grünt das holde Zauberthal
Wie einst an seinem Fuße.
Und wenn im Wald der Kuckuck ruft,
Maiglöckchen hauchen Blütenduft,
Dann rauscht wie Geisterklage
Um Burg und Berg die Sage.“


Wir verlassen für kurze Zeit die jugendliche Wanderin, die im Wonnegefühl eines reinen Naturgenusses nicht ahnte, daß ihr Morgengang durch dieses Paradies ein Gang zu ihrem frühen Grabe sei.

Wie bereits erwähnt, war Miß Idylia Dubb – dies ist ihr voller Name – am Morgen frühe mit ihrem Skizzenbuch ausgegangen, ohne den noch ruhende Eltern zu sagen wohin sie gehen und wann sie zurückkehren wolle. Ein solches Schweifen und Streifen war Idylias Art; deshalb fiel ihr früher, zuvor nicht besprochener Ausgang den Eltern nicht weiter auf. Sie wußten, daß ihre Tochter nicht nur eine passionierte Naturfreundin, sondern auch eine leidenschaftliche Malerin war, die, fand sie eine schöne Landschaft, nicht ruhte, bis diese ihrer Mappe einverleibt war. Und mit wie vielen herrlich-interessanten Bildern konnte die in dem paradiesischen Lahn- und Rheinwinkel ihr Skizzenbuch bereichern.

Die Eltern waren also in der Fliederlaube des Dorfwirtshauses so froh gemutet, wie ihr Kind draußen auf den Bergen; nichts trübte ihre Gemütsruhe und Gemütsheiterkeit; selbst als Idylia am Mittage nicht zurückkehrte, besorgten sie nichts. Doch als die Schatten des Abends niederdunkelten und die Tochter immer noch nicht zurück war, da warf die Sorge auch ihre Schatten in die Herzen von Vater und Mutter, und sie stellten, ängstlich geworden, Nachforschungen nach dem Verbleibe ihres Kindes an. Wie ein Lauffeuer lief die Kunde durch das Dorf, daß das schöne englische Fräulein, welches mit ihren Eltern im Wirtshause logierte, vermißt werde, vielleicht verirrt oder auch verunglückt sei. Die natürliche Gutmütigkeit der Dorfbewohner trieb alle an, welche gesunde Füße hatten, sich den wehklagenden Eltern zur Verfügung zu stellen, und so wurde Berg und Thal, Wald, Strom und Bach durchsucht, doch ohne Erfolg; von der Vermißten war auch nicht die geringste Spur gefunden.

Die Boten, welche noch täglich auf die Suche ausgeschickt wurden, hatten ihre Streife bis an den Fuß der Burg Lahneck, die damals noch eine Ruine war, ausgedehnt; aber keinem unter denselben fiel es ein, anzunehmen, daß das englische Fräulein die Ruine ersteigen oder erklettert haben könnte. So kam es, daß die Burgruine nicht untersucht wurde, und so kam es, daß alle Nachforschungen, alle ausgesetzte Belohnungen, alle Aufrufe in den örtlichen Blättern sich als fruchtlos erwiesen. Nicht die leiseste Vermutung, wo die Vermißte geblieben, was ihr geschehen sein könnte, wurde gewonnen: es war, als habe die Erde das Mädchen verschlungen.

Was die beklagenswerten Eltern in jener Zeit des Verschwindens ihres Kindes gelitten haben, das kann man ihnen nachfühlen; aber ausdrücken und beschreiben läßt sich ein solcher heißer Seelenschmerz, ein solches Herzweh nicht. In ihren Prüfungen, in ihrem Leid konnte sie nur ein Stab stützen, der eine Stab, der niemals bricht, und von dem die Worte strahlen: „Seid stille und erkennt, daß ich der Herr bin!“ Und als dann das arme Elternpaar sich endlich in sein Schicksal fügen und ohne das geliebte Kind heimwärts ziehen mußte, da konnte ihm die mitfühlende Bevölkerung zum abschiede nur den Trost mitgeben:

„Weine nicht,
Und sank auch in das kühle Grab
Ein Herz, das du geliebt, hinab,
hörst du’s durch Trauerweiden wehn?
Da rauscht es süß: „Auf Wiedersehn!“
Drum weine nicht!“


Wie das im Weltreiben so geht: noch Wochen und Monate lang wurde von der Bevölkerung das rätselhafte Verschwinden der Miß Idylia Dubb besprochen und diskutiert, dann blaßte die Erinnerung nach und nach ab, und nach Jahr und Tag war das unglückliche Mädchen und ihr etwaiges Schicksal vergessen. Aber die zeit, die alles sieht und hört, vergißt nichts; sie bringt unfehlbar endlich alles an den Tag. Sie brachte auch Licht in das vorliegende Rätsel, und zwar durch einen Umstand, der zugleich den verhüllenden Vorhang aufrollte; sodaß das schreckliche Drama in allen seinen Phasen offenbar wurde.

Die Burgruine Lahneck ging in den Besitz eines englischen Herrn, Mr. Edward Moriarty über, der sie im Jahre 1860 aufzubauen und zu seinem Wohnsitze zu machen sich entschloß. Einer der Türme war baufällig geworden und mußte zum Teil abgetragen werden. Die Werkleute und Arbeiter umbauten ihn zunächst mit einem sicheren Gerüste, und nachdem dieses fertig war und sie an demselben den Turm bestiegen, fanden sie zu ihrem größten Erstaunen auf dem Plateau desselben menschliche Gebeine. Wie waren diese auf den seit langen Jahren ganz unzugänglichen Turm gekommen? Niemand konnte dafür eine Erklärung finden. Der seltsame Fund wurde sogleich der Stadtbehörde gemeldet, und diese schickte sofort eine Kommission ab mit dem Auftrage, den Fund genau zu untersuchen. Die Untersuchung ergab, daß die Gebeine auf Lahneck ein vollständiges Frauengerippe darstellten. In einer Ecke des Seitengeländes fand man die Ueberreste von einem weißen Damen-Strohhut, ferner Stücke von Schuhsohlen, eine von Schutt und Moder bedeckte goldene Damenuhr, einige Ringe, eine Gürtelschnalle und mehrere kleine Schnallen. Die Kommission legte das Ergebnis ihrer Untersuchung in einem Protokoll nieder und übergab dieses zu weiterer Veranlassung dem Gerichte. Die nassauischen Behörden traten zum Zwecke weiterer Verfolgung des Falles mit den preußischen zu Koblenz in Verbindung.

Als das Ergebnis der Untersuchung öffentlich bekannt wurde, trat die verschwundene Miß Idylia Dubb wieder in aller Erinnerung. Zunächst wurden Ermittelungen nach deren Eltern angestellt, und es währte nicht lange, so erfuhr die preußische Regierung, daß in Edinburg ein Herr Dubb gelebt und im Jahre 1859 daselbst gestorben sei. Seine Witwe, Mrs. Dubb, welche noch lebte, bestätigte auf Befragen, daß sie in den ihr angegebenen Jahren Deutschland bereist und in der Gegend von Lahnstein ihre älteste Tochter auf bisher ungeklärte Weise verloren habe. Nach der ihr gegebenen Beschreibung erkannte sie die gefundenen Gegenstände als das Eigentum ihrer Tochter Idylia, sie eilte sofort nach Koblenz, um Uhr, Kette, Ringe und Schnallen u. s. w. anzusehen und bestätigte dort unter heißen Thränen, daß diese Gegenstände alle einst ichrer Tochter gehört hätten.

Wie aber, fragte man sich nun, war das Mädchen auf den Turm der Ruine Lahneck gekommen? Diese Frage zu beantworten, wurde keine Mühe gespart. Zunächst wurde möglichst genau zu ermitteln gesucht, bis zu welchem Zeitpunkte der Turm ersteigbar gewesen sei. Es ergab sich, daß die steinerne Wendeltreppe im Frühling 1846 während eines heftigen Unwetters mit einem donnerähnlichen Gekrache eingestürzt sei, wobei die Luft weithin mit Staub und das Burggemäuer mit Schutt bedeckt wurde. Dieses Einstürzen der Wendeltreppe wurde von den Naturfreunden sehr beklagt, denn von dem Plateau hatte eine prachtvolle Rund- und Fernsicht in die Lande. Um sich diesen Genuß wieder zu verschaffen, ließen einige dieser Naturfreunde auf eigene Kosten eine hölzerne Treppe zum Plateau des Turmes hinaufführen, die denn auch längere Zeit ihren Zweck erfüllte. Weitere Nachforschungen ergaben mit Bestimmtheit, daß diese hölzerne Treppe im Vorsommer des Jahres 1851 zusammengebrochen gefunden wurde., und daß die Zeit dieses Treppeneinsturzes mit der Zeit des Verschwindens der Miß Isylia Dubb sich deckte.

Alle diese Ermittelungen ließen den berechtigten Schluß zu, daß das arme Mädchen, verlockt von dem Gedanken, eine überraschend schöne Aussicht ins Land zu gewinnen, sorglos die morsche Treppe hinaufgestiegen sei, und, oben angelangt, diese hinter ich in die Tiefe habe einstürzen sehen. Bei dieser Vermutung blieb es aber nicht; anihre Stelle trat alsbald die traurigste Gewißheit. Als man nämlich beim Erneuern des Turmes die hohe Zinnenkrone desselben hinwegnahm, fand man in einer Mauerspalte ein kleines Taschen-Notizbuch eingeklemmt, wie es Damen oft bei sich tragen. Auf den vergilbten, halb vermoderten Blättern dieses Taschenbuches befanden sich noch erkennbare Bleistiftaufzeichnungen, die über das entsetzliche Schicksal des jungen Mädchens die vollständigste Aufklärung gaben. Diese Bleistiftaufzeichnungen wurden in ihrem Urtexte in englischen Blättern veröffentlicht und gingen dann auch in deutsche Zeitungen über. Daraus mögen hier diejenigen Stellen wiedergegeben sein, welche die furchtbare Lage der armen Jungfrau am ergreifendsten schildern.

„Gott im Himmel, was ist geschehen? Träume ich, oder ist es Wirklichkeit? Im Fuge bin ich die schwankende, morsche Treppe einer alten Turmruine emporgestiegen, und nur eben habe ich das Plateau erreicht, so trifft ein fürchterliches Gekrache und Gepolter meine Ohr, das mich bis in die Tiefe meiner Seele erschauern macht. Mit angehaltenem Atem und zugedeckten Augen habe ich einen Augenblick gelauscht, – dann wendete ich den Blick hinunter –: die Treppe war hinter mir zusammengebrochen. Eine Zeit lang stand ich wie erstarrt, ohne Besinnung, ohne Gedanken, fast ohne Gefühl. Mir war, als lebte ich nicht mehr.

Bald kam ich wieder zu mir und in ein Dasein zurück, das ohne Zweifel ein grauenvolles war. Ich kann keine Möglichkeit, hinabzugelangen, entdecken. Die Mauern sind hoch und weisen nur einzelne von einander Vorsprünge auf. Keine Stange, kein Seil, keine Hilfe weit und breit! Den ganzen Tag habe ich gerufen und geschrieen, aber niemand hat mich gehört. Meine Stimme, glaube ich, reichte nicht bis hinab. An den Rand der Oeffnung, an welcher die Treppe eingestürzt ist, wage ich mich nicht aus Furcht, daß ich hinabstürzen könnte. Im ersten Momente des Schreckens eilte ich dahin, aber die schauerliche Tiefe und das schwarze Dunkel nahmen mir so sehr die Besinnung, daß ich halb ohnmächtig zurücktaumelte. Vergebens versuchte ich dann, mich oben auf den Rand der Brüstung zu schwingen; meine Kräfte reichten dazu nicht aus. So lange ich die Arme bewegen konnte, habe ich mit dem Taschentuche nach allen Seiten gewinkt. Nichts hat geholfen, keine Menschenseele ist meiner gewahr worden. Zusammengekauert in einer Ecke, bitterlich weinend und schluchzend, war ich eingeschlafen. Früh beim ersten Morgengrauen bin ich aufgewacht. Mich friert, mich hungert! Die Zunge klebt mir am Gaumen. Soll ich denn wirklich verloren sein? Eltern, Geschwister, reibt euch den keine Ahnung an diese Stelle? – –
Wider habe ich gerufen, gewinkt, alle möglichen Anstrengungen gemacht. Mein Hände, meine Kniee sind wund. Hundertmal war es mir, als wenn ich Menschenstimmen hörte; ganz deutlich meinte ich, die Mutter nach mir rufen hören. Alles umsonst! In Todesangst habe ich angefangen, lose Steine mit den Fingernägeln aus dem Mörtel loszulösen, um sie zu Stufen aufzutürmen, meine Finger bluteten furchtbar dabei, und als ich einmal in dem Schmerze nach dem Mund fuhr und die warme Flüssigkeit spürte, hätte ich mich selbst in Stücke zerreißen mögen, um mein Blut zu trinken. Mein Blut that mir sehr wohl! Ach Gott, es war seit achtundvierzig Stunden meine einzige Nahrung. Schon habe ich am Stroh meines Hutes gekaut. Aber so furchtbar mich auch nach Speise verlangt, die Entsetzlichkeit meiner Lange läßt mich alle Bedürfnisse vergessen. Den ganzen Tag türmte ich die losgelösten steine auf. Endlich gegen Sonnenuntergang schien mir ihre Höhe beträchtlich genug, um den Rand erreichen zu können, zu dem sonst einige Bretterstufen geführt haben, die jetzt verfault und zertrümmert umher liegen. Ich erstieg sie. Weit lag das Land vor mir. Ich sah in den umliegenden Dörfern die Schornsteine rauchen und auf dem Rheine ein Dampfschiff fahren. Heftig winkte ich mit dem Tuche und glaubte zu bemerken, daß man mir wieder winkte; ach, die Glücklichen meinten, mein Tuchwinken sei ein Gruß der Freude von mir. Ach, sie ahnten nicht, wie sehr es ein Zeichen meiner Not war!

Mir scheint, daß ich schon eine Ewigkeit hier oben bin; die Zunge klebt mir am Gaumen fest; ich kann nicht mehr rufen, Meine Kleider hängen in Fetzen herum; mein Haar ist zerzaust. Gestern kamen zwei Mauerschwalben heraufgeflogen und setzten sich, vom Fluge ermattet, auf den Rand. Es war das letzte Glück, das mir zu Teil ward, ein Gruß aus der Welt, aus dem Leben. Als sie dahinflogen, sah ich ihnen lange nach; ich meinte, sie müßten geradeswegs zu den Meinen fliegen und ihnen Nachricht meinem Ende geben. – –

Das ist, glaube ich, der vierte Tag, die vierte Ewigkeit. Gestern war mir plötzlich wieder, als hörte ich meinen Namen wie aus weiter Ferne rufen. Ich raffte mich auf und kletterte noch einmal die hier aufgeschichteten Steine empor. Im Schwanken löste sich die Unterlage, und ich fiel mit den Steinen zu Boden. Wie lange ich betäubt von dem Falle gelegen, das weiß ich nicht. Jetzt weiß ich: alles ist aus; mein Tod ist gewiß. Noch einmal will ich beten für das Heil meiner Seele, für euch , Vater, Mutter, George, Mary. Dann will ich sehen, ob ich noch Kraft habe, noch einmal hinaufzuschauen. Vater im Himmel, sei meiner Seele gnädig!“ – –


Damit enden die Bleistiftaufzeichnungen dieser sterbenden Jungfrau. Wir setzen nichts hinzu, dann wer vermöchte besser zu schildern, als sie es gethan, was sie gelitten von dem Augenblicke an, als das Donnerkrachen der niederstürzenden Holztreppe – – gleichsam ihr Grabgeläute – – sie erblassen und erbeben machte, bis zu dem Augenblicke, wo ihre Seele frei wurde und sie im Lichte der Wahrheit erkannt haben dürfte, daß nicht sie, sondern ihr Elend gestorben, und daß auch ihr erschütterndes Schicksal doch nur eine Segnung Gottes war. Denn nicht jeder soll unberührt von der Not des Lebens, auf seiner ersten Schwelle wieder erlöschen, sondern mancher länger und schwerer geprüft werden. Darum:

Der Tod, aus welchem nicht nur neues Leben blühet,
Der ist’s, den manche Seel’ vor allen Toden fliehet!“


 
 
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