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1911

Idilia Dubb > Quellen + Editionen


In seinem Band "Die Anekdoten". – Neuausgabe der Originalausgabe von 1911. - München : Rudolf Schneider Verlag, 1980. - ISBN 3-7955-0127-X. - S. 402-415. veröffentlicht Wilhelm Schäfer die Geschichte:

Das fremde Fräulein


Vor einigen Jahrzehnten, als auf Burg Lahneck noch die Dohlen ungehindert Nester bauten und selten jemand auf die Brennnesseln im Schloßhof trat, kam von Kapellen her mit einem grünen Schleier ein Fräulein angefahren, das schon vom Nachen aus mit schwärmerischen Blicken die Ruine musterte und sich der dunstigen Morgenhitze ungeachtet sogleich den steilen Weg hinauf begab. Wo heute eine Treppe von vielen hundert Stufen ist, war damals noch ein steinichter Weinbergspfad, der sich zuletzt in ein Gestrüpp von Unkraut und Gebüsch verlor, daß jeder sich den Weg von neuem bahnen mußte. So kam das fremde Fräulein rot und heiß ans Tor und ganz behängt mit Spinnfäden, weil es schon Herbst war, der am Rhein nach Dunst und bedeckter Sommerhitze mit Nebelmorgen und klaren Tagen kommt. Sie ging erst in den hinteren Burghof, wo die Bauart der Gesindehäuser an den Schuttstreifen der Außenmauern noch zu erkennen war, und fand dann erst den Weg zurück ins zweite Burgtor, wo das Mauerwerk noch aufrecht mit den ausgewitterten Fensterlöchern stand.

Da lag der kühle Schatten in den Brennnesseln und Gesträuchen, die den Hof feucht hielten, und ein Schwall von Mücken überfiel sie so, daß sie den grünen Schleier herunter ließ und sich, mit beiden Händen wehrend, rasch in den schmalen Eingang des hohen Bergfrieds flüchtete. Der war fünfeckig, wie das die alten Türme manchmal sind, und mit so dicken Wänden, daß die Treppe inwendig in der Mauer wie eine schmale Höhle aufwärts führte. Durch die Steinluken brach das grelle Licht; doch war aus den Jahrhunderten der Schutt der Wände so dick gerieselt, daß ihre Füße kaum die Treppenstufen fanden. Obgleich ihr graute, ging sie beherzt hindurch und kam hinauf zum ersten Stockwerk, wo alles ausgebrannt war und schwarze Eichenbalken hinüber führten in den zweiten Treppengang, der wiederum mit seinem schmalen Eingang zu Abenteuern lockte. Sie tastete sich an der Mauer hin; und so herzklopfend jedesmal auf halbverkohlten Balken die Tiefe überschreitend, und wieder auf schmaler Wendeltreppe durch dicke Mauerwände, kam sie ans letzte Stück, wo nun die Treppe freitragend an der Mauer und ohne Geländer zur Plattform führte. Da konnte sie zuerst nicht mehr, weil es zu schwindlig für sie war, ohne Geländer die kleinen Stufen hinauf zu gehen. Doch fiel durch eine kleine Luke der Tag hell über sie; so dicht am Ziel vermochte das fremde Fräulein nicht mehr umzukehren und wagte nach einigen Versuchen den letzten bösen Gang.

Es schien ihr gleich, als ob die Steinstufen nicht mehr sicher wären, doch ging ihr Blut zu aufgeregt; sie glaubte noch, indem sie hastiger schritt, daß ihr die eigenen Füße schwankten: als ihr fünf Stufen vor dem Ziel der Schrecken in die Glieder fuhr. Sie wollte mit einem letzten Satz hinauf, griff auch den Steinrand oben noch, bevor sie fiel: schon aber brach alles unter ihr nieder, und während sie halbtot vor Angst bäuchlings auf der grasigen Plattform des Turmes lag und keinen Halt mehr mit den Füßen fand, die wie Gewichte über dem Abgrund hingen: hörte sie auch schon die Steine dumpf polternd an den Balken und Wänden in die Tiefe stürzen.

Sie wollte lächeln, wie man im Traum noch lächeln will, doch als sie in den Ritzen der Steine Halt zum Greifen fand, schob sie sich wie ein Tier am Boden vor, fand mit den Knien Widerstand, zog auch die Füße nach und warf sich seitwärts auf den Rücken hin, sicher, daß sie nun ganz gerettet war.
Hier oben kam die Herbstsonne stärker durch den Nebel; sie fühlte ihre Wärme, als sie sich nach Minuten sinnloser Schreckensfolgen - daß der Steinboden einstürzen würde und der ganze Turm - seufzend aufrichtete, erst auf den einen, dann auf den andern Arm gestützt. Sie sah furchtsam nach dem dunklen Loch, das fast ihr Grab geworden war, fand auch zuletzt den Mut, sich in den Knien aufzurichten, die Hände fest auf die klopfende Brust gepreßt; sie mußte lächeln, daß sie, die aller Gläubigkeit der Kinderzeit entwachsen war, nun kniend und von Dank überfließend wie zum Gebet dasaß; doch blieb sie glücklich so, bis ihr die Arme von selber nieder sanken und sich endlich die Spannung von ihr löste.

Wie eine Maus gefangen auf dem Turm, dachte sie und trat kopfschüttelnd an den Rand, wo ihr die Zinnen rechts und links den Ausblick zackig einrahmten. Der Turm war hoch, sie sah die halben Dächer und dunklen Löcher des Burghofs tief unter sich, sah über den steilen Wald- und Felsrand hinunter in die Lahn, die sie mit einem Steinwurf von hier erreichen konnte, sie sah die Häuser von Niederlahnstein am andern Ufer wie Spielzeug aufgestellt, sah die Weinberge und die herbstbunten Wälder, sah den schimmernden Rhein, wie er sich gegen Koblenz hin im Nebel verlor. Der Anblick war so reich und all die Herbstfarben standen so verschönt im blauen Duft, daß ihre Augen entzückt den Teppich auf- und niederliefen, indessen die Gedanken der Gefahr sich mehrten. Sie wollte sich davor verschließen, wie wenn das alles nur ein verrückter Traum sein könnte, ging nach Süden an den Rand und sah übers Streitfeld hin die welligen Taunushöhen im Glast der Sonne liegen, sah auch nach Westen den renovierten Stolzenfels an den Waldbergen kleben: bevor sie endlich - über ihre Feigheit erschrocken - an die Luke trat.

Zunächst gewahrte sie, geblendet von der Sonne, nur Dunkelheit, bis sie vorsichtig kniend ihr Auge in das schwarze Loch hinein gewöhnte und dann lange bis auf den Grund hinunter in ihr Schicksal blickte: wenn ihr nicht Menschenhilfe von außen kam, sie selber konnte nicht mehr hinab, weil die Stufen ausgebrochen waren und weil ein Sprung hinunter auf die ersten Balken über dem furchtbaren Schacht kaum einer Katze möglich war. Nur nicht weinen, dachte sie, und mußte die Augen schließen, als sie in den Himmel blicken wollte, der weißblau flimmerte; auch lächelte sie noch einmal zu ihrer Angst. Doch fühlte sie, wie alles Grauenhafte, was unter ihren Füßen schrecklich polternd in den Abgrund gefallen war, nun wieder aufstieg aus dem schwarzen Loch. So trat sie schaudernd an den Zinnenrand zurück und merkte fast nicht, daß sie schrie, einmal, dann lauter, noch einmal, dann in der Angst ausbrechend so schrill und gräßlich, daß sie selber vor Schrecken schwieg und danach - es war so tapfer sonst, das fremde Fräulein - doch wieder lächelte.

Doch ging der Schrecken nach diesem Schrei, darin die erste Angst sich nachträglich mit auslöste, nun nicht mehr fort aus ihr. Sie fühlte, wie er mit ihr allein geblieben war und keinen Weg zu den Menschen fand; da zwitscherten die Vögel unten im Gemäuer, ein Dampfschiff läutete seine Ankunft in Oberlahnstein an, auch rollte irgendwo ein Zug: doch alles schwamm in einem verschollenen Menschenlärm, der aus dem engen Lahntal wie ein Geruch aufstieg, so verdünnt in Licht und Luft. Zuerst war es ein Zorn, daß sie so abgeschnitten war von aller Menschenwelt, obwohl ihr alle Höfe und Straßen wie ein aufgeschlagenes Buch geöffnet waren - sie riß den grünen Schleier ab und schwenkte ihn weit in die Zinnen vorgebeugt hinunter vielemal -, dann die Beschämung, daß sie so rasch die Haltung einer Dame verlor, dann die Gewißheit, daß mehr als die Dame verloren war: bis doch wieder der Lebensmut die Oberhand bekam und sich in diesem Abenteuer traumhaft auf den seltsamen Ausgang freute, den ihr die Sehnsucht mit vielen Bildern malte.

Dann hörte sie den Glockenschlag am Kirchturm, sah auf die Uhr, die golden und wie ein kleines Ei war, und merkte, daß zu allem nicht eine Viertelstunde nötig gewesen wäre. Sie rechnete sich aus, daß so noch vierzig Viertelstunden kämen bis zur Nacht, daß sie geduldig warten könnte, und setzte sich zum erstenmal seit ihrem Unglück hin, den Rücken an eine Zinne. So spürte sie, wie todmüde ihr die Beine geworden waren; sie schloß die Augen für einen Augenblick und hatte eine Musik im Ohr, die wie die abrinnenden Gedanken immer den selben Gang hinunter lief; sie grübelte, was es wohl sei, und ließ die Erinnerung durch Konzerte, durch Säle voll Licht und hellen Kleidern, auch durch stille Zimmer mit Klavieren suchen. Sie fand es nicht, doch spürte sie, was nie zuvor in ihr gewesen war: wie schön, wie unvergleichlich schöner dies alles in ihr stand, als jemals ein Natureindruck für sie gewesen war. Sie schloß die Augen fester zu und dachte blitzhaft, wie ihre Schwärmerei niemals ein Abenteuer anders als mit Menschen erwartet hatte, wie die Natur, der sie jetzt ausgeliefert war, stets in allem, im Abendrot, im Auge eines Hundes, im Dunkelwerden und in der Mittagsruhe unheimlich für sie gewesen war.

Sie fröstelte danach, weil sie im Schatten einer Zinne saß und weil ein Wind ihr in den Nacken strich; sie setzte sich hinüber, wo sie das Streitfeld sah, in das hinein die Unkrautwüsten der alten Burggärten hingen. Sie schüttelte den Kopf, ganz deutlich schüttelte sie ihn, und sagte Nein, daß sie erschrak und nicht mehr lächeln konnte. Doch wollte sie sich einer heiteren Musik erinnern; es kam auch schon ein Walzer, danach sie mit den Füßen vielmals im Tanz fröhlich gewesen war. Sie sah danach, die nun in festen Schuhen staken, und dachte, daß die Männer gern nach ihren kleinen Gold- Schuhen blickten; so kamen auch die Tänzer, einer nach dem andern, aus vielen Orten, wie nur ein Traum sie alle auf einmal bringt, und keiner war darunter, dem sie näher gekommen war, nur einige vielleicht. Sie ließ sie, die sich von selber gemeldet hatten, nun nacheinander in der Ordnung vortreten, die ihr beliebte, scherzhaft scheltend, daß keiner sie erlöste, auch der nicht mit der Schülermütze, mit dem sie nur ein paarmal als Kind Schlittschuh gelaufen war und der als einziger von allen ihren Mund mit Küssen berührt hatte.
Da wußte sie auf einmal, daß sie nicht sterben konnte, weil sie vom Leben nur erst die Jugend kannte und weil erst für sie kommen mußte, wofür sie sich in Träumen von hundert Nächten und in der Sehnsucht stiller Tage ein Band geflochten hatte, das sie einmal an einen hängen wollte, und das sonst abgerissen wäre. Sie mußte lächeln, wieder lächeln und fast lachen, wie einer sich für ein Geschenk bedankt: daß sie erst dieses Bild daran erinnerte, wie sie doch Kleider hatte zum Zerreißen und aus den Bändern einen Strick zu flechten, stark und lang genug, auf das oberste Balkenwerk zu kommen. Doch stand sie noch nicht auf, weil es noch viele Viertelstunden bis zum Abend waren, und weil sie ruhig auf einen Retter warten konnte, wenn sie auch wirklich eine Nacht hier oben blieb mit ihrem Abenteuer. Wie sie das Wort ausdachte mit seinem seltsamen Klang - sie merkte, wie sich die Gedankenreihen mit Worten formten, die an den Lippen wie Perlenketten vorüber gezogen wurden, obwohl sie keines sprach -, fiel sie die Sehnsucht ihrer Mädchenjahre an und sie erstaunte, was für Dinge und Bilder aus ihr selber gewachsen waren, darin sie Tag und Nacht wie in der Wirklichkeit spazieren konnte. Sie dachte, daß der Tod nichts sei, als von den Störungen der Sinne befreit, der Augen und der Ohren, tiefer in diese Märchenwelt da innen zu versinken.

Sie lächelte schon wieder, daß sie aus Furcht vor dem Tod sich nach dem Tod mit solchen Gedanken sehnte, und dachte sich nun tapfer in ihn hinein: daß sie dann selber nichts mehr war, auch nicht das Innerste von sich, daß sie den Elementen, die auch jetzt in ihrem Blut und Atem kreisten, ganz ausgeliefert war, daß unter einem Hügel voll Kränzen - die wie sie selber verfaulten - in einem Sarg, der faulig wurde, ihre Hände, ihre Augen, ihr Gehirn langsam ins Fließen kamen. Sie spürte da zum erstenmal, wie keiner sich den eigenen Tod ausdenken könnte, weil er auch noch die Fäulnis seiner Glieder wahrnehmen möchte.

Es wurde heißer auf dem Turm; doch wuchs ein neuer Schatten dort, wenn dieser hier vergangen war; sie dachte, daß sie nun wie die Zeiger an einer Uhr umgehen müßte, bis dieser Tag vorüber wäre. So sah sie wieder auf die Uhr und merkte, daß von der zweiten Viertelstunde noch kein Drittel vergangen war. Die Sonne stach, so meldete sich der Durst bei ihr: da fiel zum andernmal die Furcht des Todes über sie, daß sie verhungern und verdursten könnte.

Auch diese Furcht verließ sie nun nicht mehr, doch stieg und sank sie in die Flut zurück, darin ihr die Gedanken mit Tapferkeit und Kleinmut, mit Zorn und Scham und Angst und Lächeln schwammen. Nur fing sie an zu leiden, wie ihr die Lippen fiebrig trockneten und wie die Zunge schmerzte, wenn sie die netzen wollte. Sie ging und saß, sie stand und winkte mit ihrem grünen Schleier, manchmal schrie sie auch, so schrill, daß ihr das Blut den Kopf zersprengen wollte; doch nahm die Luft ihr alles fort vom Mund und ließ es ohne Echo mit dem fernen Lärm der Menschenwelt aufsteigen in den verdünnten Raum. So fing sie schon nach Mittag an, ihr Kleid in Streifen zu zerreißen, obwohl sie vielmals lächelte und ihre Hände erschrocken ruhen ließ; sie wußte so genau, daß es nichts nützen konnte, daß es nicht reichen würde zu einem Strick bis da hinab, und wenn es reichen würde, daß sie den Mut nicht hätte, daran hinab zu gleiten, daß sie es leichter fände, hier außen in die Tiefe abzuspringen in den sicheren Tod.

Doch sprang sie nicht, nur die Gedanken jagten die Möglichkeiten der Rettung ab. Ob ihr Verstand sie alle wehmütig oder zornig verwerfen mußte, je unabwendbarer ihr Schicksal wurde, inmitten einer herrlichen Landschaft, die sie mit Schwärmerei zu sehen gekommen war, grausam zu sterben in dem schwarzen Loch, das wie ihr offenes Grab auf sie wartete, um so sicherer wuchs auch der Kern von Hoffnung in ihr, daß es nicht möglich war, so hinzusterben, daß sie auf eine Art, und wenn es schließlich ein Wunder wäre, doch noch gerettet würde.

Und nur der Tag um sie ging seinen Gang, er half ihr nicht, wenn keine Menschen halfen; er ließ die Sonne steigen, daß die Schatten der Zinnen kürzer wurden, und ließ sie langsam wieder wachsen, er ließ die letzten Nebel vergehen in seiner klaren Luft und nahm sich ein paar Stunden dazu, die Farben seiner Teppiche rundum zu übermalen, bis nach den Ewigkeiten von tausenden Sekunden die Dämmerung ihm Meltau in die Gluten mischte. Er ließ die Menschenglocken unter sich nach seinen Zeiten zum Mittag und zur Vesper läuten und die Rauchsäulen in seine dünne Luft wie Pfropfenzieher steigen; er ließ die Lichter glimmen, erst spitz und blaß, dann stärker, bis sie der Dunkelheit gewachsen waren, er ließ die Singvögel in den Büschen schweigen und die Eulen ums Gemäuer huschen, ließ in den Feldern die Kaninchen schreien und Lärm und Lichter langsam verschwinden in der tiefen Nacht; er ließ die Sterne steigen in ihrem Rätsellicht, bis endlich sich der Mond in fürchterlicher Größe vom schwarzen Waldrand löste. Er ließ das fremde Fräulein, das lüstern auf Menschenabenteuer in seinen Bereich gekommen war und längst in tödlichem Schrecken hingekauert die Sinne vor seiner Furchtbarkeit verschlossen hatte, gütig in einen tiefen Schlaf hinsinken, darin der Traum die Ängste mit Hoffnungsbildern mischte und ihr die erste Lehre des Todes gab, daß nur in seiner Menschlichkeit beschlossen der Mensch das Wesen der Natur erträgt, und daß es jedem besser zu sterben sei, der sich nicht in den Schutz der Seele vor ihr abschließen kann.

Ein Kerzenlicht trug Sorge, daß in der gleichen Nacht zu Koblenz ein altes Menschenkind die Augen nicht zu schließen brauchte. Es war die Tante von dem Fräulein, die es zum Mittagstisch aus Stolzenfels zurück erwartet hatte und nun durch einen ängstlichen Nachmittag zum Abend in wilde Sorge gefallen war; ein welkes Weibchen, das nur im Fahrstuhl auf die Straße konnte und das in Schrecken hilflos dalag. Es wechselte die Kerzen aus bis in den Morgen und fieberte, so oft ein später Wagen seiner Hoffnung kläglich die Flügel hob. Ihm war das Fräulein auf der Reise in Hut gegeben, und was mit seinen Augen an den Wänden der kleinen Gasthofkammer verzweifelt hinauf lief, um immer wieder kraftlos abzufallen, war der Gedanke: was kann ein Mensch dem andern sein, der seine Hand losließ und aus dem Kreis von seinen Augen ging? Da schwemmt ihn längst das kalte Rheinwasser fort, das unten an der Schiffbrücke rauscht, indessen die Gedanken warten, daß er zur Tür eintritt. Ein Mensch, der von uns geht, ist auch gestorben und fängt für uns ein neues Stück Leben an, wenn er uns wieder kommt; und nur, weil das so oft gewesen ist, sind wir kaltblütig genug, auf ihn zu warten.

Noch hatte sie den Eltern nichts berichtet, die drunten in Westfalen sorglos schliefen; bevor sie in der Frühe ein Telegramm wachrief, ihr Kind zu suchen. Als sie dann kamen mit dem Mittagszug, verstört und hoffend mit den suchenden Augen, da war die Nachricht mit dem Draht zwar ausgelaufen nach allen Seiten, daß bei Kapellen ein fremdes Fräulein verschwunden war; doch von Kapellen über den Stolzenfels bergwärts zum Kühkopf hin und stundenlang zur Mosel, da laufen die Wege kreuz und quer in Wäldern, durch feuchte Schluchten und an sonnigen Hängen; auf jedem kann ein Menschenfuß den Weg zum Rhein hinunter finden, wenn er heim will zu andern Menschen, doch jeder ist mit Büschen, Farnkräutern, Hecken ein Versteck, das abzusuchen ein Dutzend Augen viel zu wenig ist. So ging ein Tag der Sorge suchend hin, die in drei alten Herzen unerträglich drängte, und sich rundum in Mitleid und Neugier bis zu Späßen verlor. Denn weil das Fräulein von manchem gesehen worden war mit seinem grünen Schleier, wie es den Schwarm der Schwärmenden durch sein besonderes Bild vermehrte: so glaubte keiner an ein Unglück, bevor er nicht den Kreis der Liebesabenteuer spöttisch abgemessen hatte. Ein junges Pferd und ein schönes Kind gehen eher durch, bevor sie fallen; rasch gab es Stammtischbrüder, die den Galan dazu mit eigenen Augen gesehen haben wollten.

Weil auch der Schiffer ermittelt wurde, der sie nach Oberlahnstein gefahren hatte, wo die Dampfboote hatten, und weil dem gleich das fremde Fräulein verdächtig gewesen war, kam es, daß mancher ihr Gefängnis, den Turm von Lahneck, vor Augen hatte, der sich die zügellose Freiheit der Romantik mit allen Folgen des Geschicks für ein so junges Fräulein ausmalte, und nur den einen Blick nicht tat, der ihr das Leben aus den Schrecknissen des Durstes und des Fiebers leichthin gerettet hätte.

Und auch die Eltern, betrogen und enttäuscht vom ersten Schrecken - weil sie nicht glauben wollten, daß ihnen ein plumpes Unglück ihr Kind genommen hatte -, sie dachten nun an seine Schwärmerei und Sehnsucht und suchten schon am dritten Tag nicht mehr die Wälder ab nach ihr. Sie suchten draußen in der Welt - so fremd sind Eltern zu ihrem Kind, das nicht vor ihren Augen steht - und ahnten nicht, daß nur einmal der Menschen- lärm im Tal zu stocken brauchte, und alle hätten den wilden Schrei von Lahneck gehört, wo ihm allein, dem fremden Fräulein, die Augen nichts mehr nützen konnten, weil sie die reiche Welt zu Füßen und die Menschen darin sah, auch solche, die sie suchten und alle, die bereit gewesen wären, sie zu retten.

So tückisch war ihr Schicksal, daß einer sie erblickte und ihr nicht half, weil er den Hilfeschrei für einen Juchzer hielt. Das war ein junger Arbeitsmann, als er an der Lahn entlang am zweiten Abend zur Grube ging. Er sah den Schleier wehen und hörte ihren Schrei und winkte mürrisch mit der Kappe, indem er weiterging. Er hatte es schon manchmal mit Bitterkeit gehört, daß sie ihn riefen von einer fröhlichen Wanderung, indessen ihm der Zwang täglicher Arbeit den Schritt zur Grube lenkte, wo er acht Stunden lang das Silbererz aushacken mußte, das solchen Menschen nachher im Leichtsinn durch den Beutel ging. Er wußte nichts vom fremden Fräulein, das die Kapeller suchten, weil er den Tag verschlief, um mit der Nachtschicht einzufahren. Nur als er später hörte, daß die Treppe im Turm von Lahneck eingebrochen wäre, verwirrte sich das mit der Sage bei ihm, die er aus seiner Jugend wußte: daß einmal allabendlich von Montabaur ein Junker durch die Lahn geritten wäre, um die Geliebte auf Lahneck heimzusuchen, sofern ihr Schleier als ein Zeichen an dem Bergfried geflattert habe. So sei er einmal in der hochgehenden Lahn ertrunken und seitdem stände abends der Geist von seinem Fräulein oben und winke mit seinem Schleier bis zum jüngsten Tag.
Da nun die Sage wieder neu umging, indessen immer noch die Eltern rheinauf rheinab die Welt nach dem verschwundenen Fräulein durchsuchen ließen: kam es manchmal, daß die Sage am selben Tisch besprochen wurde, wo von dem fremden Fräulein die Rede war, nur daß in keinem der dicken Menschenköpfe einmal der Gedanke von einem zum andern übersprang. So ging das Leben tausendfältig um den Turm herum der Nahrung, dem Vergnügen, den Leidenschaften und den Ge- danken der Menschenwesen nach und spielte abends mit der Sage von einem alten Unglück, indessen sich ein neues grausig damit vermischte. Denn wie ein hochgereckter Arm hielt erst durch Tage, danach durch Wochen, Monate, Jahre der Turm den Stürmen und der Sonne ihr Opfer hin, ein schönes Menschenfräulein, das Tag und Nacht den Vögeln zum Fraß geworden war.

Auch bei den Eltern in Westfalen und bei der alten Tante lief sich schließlich der wilde Schmerz in Täglichkeiten taub, nur manchmal nachts, wenn Nacht und Stürme um die Kammer gingen, darin die Schlaflosigkeit im Flackerlicht einer Kerze die Karten des Todes mit dem Leben mischte zu einem Spiel von Enttäuschung und müder Bitternis, stand oft ein Mädchenleben auf mit einer Frage, die keiner lösen konnte. Bis die Gefragten selber der Tod wegnahm - zuerst den Vater mit dem grauen Doppelbart, danach die blasse Mutter und erst zuletzt die alte, welke Tante, weil die ihm sicher war - und ihr Geschick zu dem vom fremden Fräulein legte; sodaß nur noch die Sage lebte, darin ein grüner Schleier verwoben war, den manchmal einer bei Sturm in hellen Mondnächten nach dem Junker von Montabaur winken sah.
Bis auch die alte Sage an der neuen sterben mußte; denn als nach vielen Jahren Burg Lahneck hergerichtet wurde, weil die Romantik nun wieder Menschen trieb, darin zu wohnen, und als man auch mit Leitern den Turm bestieg: lag ein Gebein darauf von feinen Maßen, das hatte sorglich wie zur Nacht die Schuhe neben sich gestellt und nur die Kleiderfetzen hatten die Stürme herum getrieben, daß die Reste an den Zacken der alten Zinnen klebten; hinunter aber in den Turm hing noch das Stück von einem Strick, der aus gedrehtem Kleiderstoff sorgsam geflochten war.

Da verblaßte die Gestalt der Sage und lebte neu im fremden Fräulein und wurde offenbar, wie sich die Schicksalsdinge der Menschheit in Weiten mischen, darin die Menschen nur wie die Schaumbänder auf den Wellen von Schlag zu Schlag ihr Tageslicht einmal erblicken; denn wie der Wolkenhimmel bleibt, obwohl die einzelne Wolke sich bildet und vergeht, so stirbt der Mensch, durch den die Menschheit lebt.

 
 
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