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1929

Idilia Dubb > Quellen + Editionen


In „Unser schönes Heimatland“ : Zeitschrift für Heimatkunde, Heimatsitte und Heimatart. - Montabaur : Sauerborn. – (Beilage zum Kreisblatt für den Unterwesterwaldkreis). - 1929, Nr. 7 erscheint ein dreiteiliges Gedicht von A. Bernd, Niederlahnstein, der den Stoff mit falschen Fakten verarbeitet:




Der Turm


1.
Ein heit’rer Lenztag liegt auf Flur und Hain.
In Wald und Feld ertönen frohe Lieder,
und hell und glänzend strahlt der schöne Rhein
und spiegelt treu den blauen Himmel wieder.

2.
Und Blumenkränze in dem blonden Haar,
im blauen Auge Freude, Lust und Leben,
geht tändelnd dort ein holdes Schwestern-Paar
die Pfade, die hinan zur Höhe streben.

3.
Das ferne England ist ihr Vaterland,
dies sagt die weiße Stirn, die blonden Locken.
Sie gehen munter lachend Hand in Hand,
im Arm Vergissmeinnicht und Wiesenglocken.

4.
Vor ihnen liegt an steiler Felsenwand
Burg Lahneck und es webt der Sonne Schimmer
von Gold und Duft ein strahlendes Gewand
von Wall und Turm und den bemoosten Trümmern.

5.
O, teure Lucie! Komm zur Burg hinan!
Durch diese Büsche muß der Fußpfad gehen,
vom alten Turm mit diesen Tubus dann
sehn wir hinaus bis zu den fernsten Höhen.

6.
Sanft schläft die Mutter, sie vermisst uns kaum.
Ein halbes Stündchen, und wir seh’n sie wieder.
Dann weckt sie schnell aus einem schönen Traum
ein leiser Kuß auf ihre Augenlider.

7.
Und eilig klimmen lachend sie empor
den schmalen Steg am grünen Weingelände.
Bald stehen sie am längst verfall’nen Tor
und blicken auf die eingesunk’nen Wände.

8.
Sie stürmen jugendmutig weiter fort
durch halbzerstörte, deckenlose Zimmer;
das Echo wecken sie mit munt’rem Wort
und schreiben ihre Namen auf die Trümmer.

9.
Sie eilen weiter, steil und schmal und alt
lehnt eine Treppe hier am alten Turme.
Ein morscher Balken nur gibt ihr noch Halt,
schon halb geknickt vom Wetter und vom Sturme.

10.
Und schnell durcheilt der Schwestern leiser Schritt
die graue Bahn, so ahnungslos und heiter.
Und ob auch knarrend sich bei jedem Tritt
die Treppe senkt, sie eilen flüchtig weiter.

11.
Jetzt steh’n sie jubelnd auf des Turmes Band,
nicht ahnend der Gefahr, der sie entgangen.
Die Blicke schweifen übers schöne Land,
ganz ohne Sorge, Schreck und Angst und Bangen.

12.
Sie hören nicht den warnend leisen Ton,
mit dem dort Stein um Stein zur Tiefe gleitet.
Sie hören nicht, wie leisen Schrittes schon
ein fürchterlich Verhängnis sie umschreitet.

13.
Doch jetzt erschrecken sie, o Gott, ein Krach
und welch Getöse! Nacht umzieht die Sinne.
Der Balken brach – die Treppe stürzte nach,
und hilflos steh’n sie auf des Turmes Zinne.

14.
Noch liegt der heit’re Tag auf Flur und Au,
in Wald und Feld ertönen hohe Lieder.
Nur dort am alten Turme still und grau,
sinkt eine Wolke Staub zu Tale nieder.

Die Verschwundenen


15.
Viel sprach man von dem plötzlichen Verschwinden
der beiden Mädchen in dem kleinen Ort;
man forscht’ und suchet viel, sie aufzufinden,
doch nur vergeblich, beide bleiben fort.

16.
Die Mutter war dem Tode nah aus Gram,
und Boten sandte sie durch Feld und Flur und Wald;
umsonst war alles, keine Nachricht kam,
und nichts verriet der beiden Aufenthalt.

17.
Da fand am schlüpfrig steilen Uferrande,
wo Rhein und Lahn vereinen ihre Flut,
man einen Hut von Stroh mit blauem Bande;
die arme Mutter kennt ihn nur zu gut.

18.
Was sie geahnt, was jeder schon empfand,
nun stand es fest mit schrecklich klarem Wort:
Es treibt die Welle wohl zum fernen Strand,
die teuren Kinder treibt zum Meer sie fort.

19.
Jetzt sucht sie hoffnungslos nur noch die Leichen.
Sie sucht’ und forschet, fragt stromauf, stromab;
jetzt wird es selbst zum Trost ihr schon gereichen,
sie sanft zu betten in ein stilles Grab.

20.
Doch Well auf Well verrann, und Frist um Frist
und mancher Mond und jede Hoffnung schwand.
Und als sie selbst dem Tode nahe ist,
da eilt sie sterbend in ihr Vaterland.

Das Wiederfinden


21.
Drei Jahre sind seit jener Zeit vergangen,
und kaum gedenkt man mehr im kleinen Ort
der armen Mutter mit den bleichen Wangen
und der Verlorenen mit einem Wort.

22.
Da sieht man eines Morgens durch die Trümmer
Von Lahneck viel geschäft’ge Leute gehen.
Sie räumen Schutt aus Gang und Zimmer,
denn neu und stattlich soll die Burg ersteh’n.

23.
Und frei zum alten Turme sind die Wege.
Der Meister steigt die Leiter kühn hinan,
schon ist er oben – doch auf schwankem Stege,
was fasst ihn da, den sonst so starken Mann?

24.
Er wankt, – man sieht, fast schwinden seine Sinne,
doch bald sich fassend, winkt er mit der Hand,
die staunenden Gefährten schnell zur Zinne;
und bald steh’n alle auf des Turmes Rand.

25.
Dort fand man in verblichenen Gewändern,
Gebeine zweier Menschen, blondes Haar,
hing wirr und aufgelöst. Ein Seil von Bändern,
das wohl zu schwach für einen Vogel war,
hing flattern noch am morschen Steingerölle.

26.
Ein Tubus, ganz verrostet schon und matt,
lag auf der Mauer nahe an der Stelle,
von der man abwärts sieht zur kleinen Stadt.
Und alle fasst ein Grauen und Erbeben,
und alle sind vom Schrecken halb erstarrt.
Wer kann hier Auskunft, wer kann Kunde geben?
Wer löst dies Rätsel schauervollster Art?

27.
Doch als sie forschten nach Erkennungszeichen,
da fanden sie ein kleines Taschenbuch
ganz nahe bei den beiden Leichen,
das oben auf erlöschte Ziffern trug.

28.
Und wie sie das dem Meister übergaben
mit scheuen Händen und mit leisem Wort,
und wie sie dann den morschen Deckel haben,
so liegen vier beschrieb’ne Blätter dort:

29.
Die Schrift war matt, die Wort kaum zu lesen.
Nachdem die Seiten leise umgewandt,
ist dies der Worte wahrer Sinn gewesen,
die treue Kunde, die man droben fand:

30.
O teure Mutter! In dein Schlafgemach
Schickt jetzt die Sonne ihre ersten Strahlen.
Sonst rief dein froher Morgengruß uns wach,
heut weinst du um uns in bitt’ren Qualen.

31.
O. das war eine traurig kalte nacht!
Und über uns des Mondes bleiche Pracht.
Uns war so bang, der Wald so still und dunkel,
und goldner Sterne strahlendes Gefunkel.

32.
Und Lucie rückte nah zu mir heran.
Wir rangen bebend die erstarrten Hände
Und baten innig, wie man es nur kann,
dass Gott uns heute einen Retter sende.

33.
Und er hat sicher unser Fleh’n gehört.
Bald siehst du uns und sollst uns nie mehr missen.
Und gern verzeihst du uns, dass wir gestört
Für eine Nacht die Ruh von deinem Kissen.

34.
Als gestern hinter uns die Treppe sank,
da stürzten wir betäubt zur Erde nieder.
Doch als der Geist sich aus der Fessel rang,
da kehrte schnell uns Mut und Hoffnung wieder.

35.
Und durch die Luft drang unser Hilfeschrei,
so haben bis zur Nacht wir’s fortgetrieben,
doch Niemand kam auf unseren Ruf herbei,
und stil und dunkel ist’s um uns geblieben.

36.
Doch heute hört man sicher unser Schrei’n,
die Schiffer auf der Lahn seh’n unser Winken.
Gewiß bald werden wir gerettet sein,
bald werden wir in deine Arme sinken.

37.
Der zweite Morgen! Fürchterlicher noch
als diese Tage sind die langen Nächte.
Gott hört uns nicht! – Wir fleh’n und beten doch.
Gott hört uns nicht! – Und heißt doch der Gerechte!

38.
Ach, gestern schwand der erste Hoffnungsstrahl:
Auf jener nahen Straße kam ein Reiter.
Wir riefen flehend, winkten tausendmal:
Er sah herauf und grüßend zog er weiter.

39.
Ein Schiff voll Menschen kann den Rhein hinab,
und angstvoll ließen wir die Tücher wehen.
Umsonst! – Sie sandten keinen Retter ab.
Von allen schien uns keiner zu verstehen.

40.
Wie grüßend winkten sie mit Tuch und Hand,
und ihr Gelächter klang so hell und heiter.
Kein einziger, der uns’re Not erkannt,
denn fröhlich winkend zogen alle weiter.

41.
O. welche Qual! O, nur ein Stückchen Brot,
ein Tropfen Wasser, um die Pein zu lindern.
O, teure Mutter, sähst du uns’re Not,
du hülfst mit deinem Herzblut deinen Kindern.

42.
O, Herr des Himmels! Neig’ dein Angesicht
Und laß den Retter heut für uns ersteh’n!
Noch eine Nacht, und wir ertragen’s nicht.
O, Herr des Himmels, höre unser Fleh’n!

43.
Ein neuer Morgen! Meine Kräfte flieh’n.
Kaum kann ich rufend noch die Stimme heben,
und Lucie liegt in Fieberphantasie’n.
Sie starrt mich an, und ihre Glieder beben.

44.
Ich übergab noch gestern hoffnungsvoll
ein Zeichen, meinen leichten Hut, den Winden,
und fleht’ zu Gott, dass er ihn lenken soll,
dass unten ihn die Mutter möge finden.

45.
Doch bald erlosch der Hoffnung schwaches Licht.
Vergebens sah’n wir auf der Mutter Fenster,
doch heute leb’ ich kaum und hoffe nicht
und sehe nur des Hungers Schreckgespenster.

46.
Uns hört nicht Gott. Nun denn, wie soll von hier
zu Menschen uns’re schwache Stimme dringen?
O, Herr des Himmels, was verbrachen wir,
dass in so grenzenloser Qual wir ringen?

47.
Nur Wasser! – Wasser! – nur ein Stückchen Brot!
Doch willst Du, dass hier oben wir verderben,
so send’ durch Blitz uns schnellen Tod
und laß uns nicht so qualvoll sterben.

48.
Der vierte Tag! Der letzte endlich, doch kaum,
dass sie der heißgeliebten Mutter noch
die letzten Grüße ihres Kindes bringe,
Als gestern tönte Sonntagsglockenklang,
als Orgeltöne leis’ herüber zogen
und aus der fernen Kirche frommer Sang,
ist Luciens Geist zum Licht emporgeflogen.

49.
Und endlich kommt auch meine Zeit.
Mir sinkt die Hand – und die Gedanken schwinden.
Leb wohl, bald werden wir uns wieder finden!
Mein Ziel war Lahnecks neu erstand’ner Bau.
Hinaus hat mich ein schöner Tag gerufen.
Als Führerin ging eine alte Frau
Mit mir zum Turm auf festgefügten Stufen.
Sie gab nach Führerart mit schnell Bescheid,
als ich sie frug nach dieses Schlosses Sagen,
erzählte viel von längstverschwund’ner Zeit,
erzählte viel von jüngstverfloss’nen Tagen.
Und nach der Treppe deutend mit der Hand,
beteuernd, dass sie Wahres nur berichte,
erzählte sie – gelehnt am Turmesrand –
mir von den blonden Schwestern die Geschichte.




 
 
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