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1954

Idilia Dubb > Quellen + Editionen


In „Aus vergangenen Tagen“ : Heimatliche Sagen, Legenden und Erzählungen für die Schulen am Mittelrhein / Herausgegeben vom Heimatgeschichtlichen Arbeitskreis Koblenzer Lehrer. Bildnerische Gestaltung: E. Laux und W. Vonier. - Druck: Görres-Druckerei GmbH, Koblenz. - Heft 3 (ca. 1954) erscheint ein dreiseitiger Beitrag über das Schicksal der Idilia Dubb; es wird aber sowohl zeitlich als auch inhaltlich völlig verändert und - durch die Erwähnung der Sage von den Tempelherren auf Lahneck - in den Bereich der Sage gerückt.

Der Bergfried von Lahneck gibt sein Geheimnis preis


Fleißige Hände waren bemüht, die Burg Lahneck nach langen Jahren der Zerstörung wieder auszubauen. Seit der Vertreibung der Tempelherren war nichts mehr an ihrem Aufbau getan worden und die Burg dem Verfall preisgegeben. Nun sollte neues Leben aus ihren Ruinen erblühen.
Reges Treiben herrscht jetzt auf dem sonst so stillen Burgplatz. Auch der Turm muß ausgebessert und die Treppe erneuert werden. Auf Leitern stiegen die Arbeiter hinauf. Doch welch’ Entsetzen packt sie, als sie oben auf der Turmplatte ankommen! Sie rufen dem Baumeister zu, er möge heraufkommen. Dieser klettert hoch, und auch ihm bietet sich hier oben ein schauerliches Bild: Vor ihm liegen die Gebeine zweier Toten. Wer mochten diese wohl gewesen sein? Vorsichtig und mit Scheu suichen die Arbeiter nach irgendetwas, was darüber Auskunft geben kann. Sie finden schließlich unter einem Stein verborgen ein altes Skizzenbuch. Voll innerer Erregung öffnet es der Baumeister. Auf der ersten Seite erkennt er einige einfache Zeichnungen von der Umgebung, dann folgen mehrere Blätter, die mit zittriger Hand beschrieben sind. Er versucht, das Geschriebene zu lesen. Dann erzählt er den aufmerksam lauschenden Arbeitern das tragische Schicksal dieser Toten:

„Es war um die Mitte des 16. Jahrhunderts – Lahnstein feierte damals das Fest der 200jährigen Verleihung der Stadtrechte durch Ludwig den Bayer -, als in Niederlahnstein eine Engländerin mit ihren beiden Töchtern Mary und Lucy wohnte. Sie waren von England gekommen, um die hiesige Gegend kennen zu lernen. Oft durchstreiften die beiden Mädchen allein die Wälder und Fluren an Lahn und Rhein.

Einmal führte sie ihr Weg auf die Burg Lahneck, die unbewohnt war. Lustig plaudernd erkletterten sie in jugendlichem Eifer den Berg. Immer wieder freuten sie sich an der schönen Aussicht, die ihnen die Felsvorsprünge gewährten. So kamen sie schließlich zur Burgruine. Wie wildromantisch sah es hier aus! Dornen und Hecken bedeckten neben grünem Moos die Mauerreste, in deren Mitte der Hauptturm stand. Dieser war es, der sie besonders anzog. Voller Neugier versuchten sie, auf der halbzerfallenen Holztreppe den Turm zu besteigen. Übermütig lachend schauten sie den aufgescheuchten Eulen nach, die flattern durch die Mauerluken davonhuschten.

Glücklich kamen sie mit erhitzten Gesichtern und staubigen Kleidern auf der Plattform an. Welch herrlicher Ausblick über das Rheintal bot sich ihnen von hier aus! Alle ihre Mühe war reichlich belohnt. Jauchzend schallte ihr „Huh!“
in die Tiefe. Sie wurden nicht müde, immer wieder ihre Freude begeistert zu äußern.

Da, was ist das? Plötzlich kracht es im Innern des Turmes. Steine gleiten aus den Fugen, fallen auf die morsche Treppe und reißen sie mit sich in die Tiefe. Jäher Schreck erfaßt die beiden Mädchen, und alle Fröhlichkeit ist plötzlich dahin. „Wie kommen wir jetzt hier hinunter?“
ruft Lucy mit ängstlicher Stimme. Ratlos schaut sie Mary an. Da erinnern sie sich beide, daß es noch früh am Tag ist und wohl später ein Wanderer den gleichen Weg nehmen werde. „Wie wird sich die Mutter ängstigen, wenn wir nicht rechtzeitig zu hause sind!“ Doch bald beruhigten sich beide, und jede sucht sich zu beschäftigen. Lucy flicht aus Blumen, die sie unterwegs gepflückt hat, Kränze, Mary zeichnet in ihr Skizzenbuch die herrliche Landschaft. Ab und zu schauen sie in die Tiefe. „Kommt denn da niemand hier vorbei?“ fragen beide.

Nein, niemand ließ sich sehen!

Die Sonne verschwand allmählich hinter den Bergen, und die Dämmerung legte sich über die Täler. Nun wurde es ihnen doch angst und bange., die Nacht allein auf dem Turm zu verbringen. Still hockten sie sich nebeneinander. „Die Mutter, wie wird sie sich um uns sorgen!“
Sie weinten. Lucy wurde allmählich müde. Ihre Hände zum Gebet faltend, legte sie ihren Kopf in den Schoß der älteren Schwester und schlief schließlich ein. Mary konnte nicht schlafen. Fröstelnd blickte sie hinaus in die schimmernde Sternennacht. Die Nachtvögel kreisten um den Turm, und ab und zu raschelte es unten im Gebüsch. Wird der morgige Tag die Rettung bringen? Ermüdet schlossen sich ihre Augen.

Das Glockengeläut der Johanniskirche weckte die beiden Schläfer und verkündete ihnen den neuen Tag. Gähnend erhoben sie sich und schauten in die Tiefe. „Ist denn keiner da, der uns Hilfe bringt?“
Immer wieder riefen sie es. Aberniemand schien ihr Rufen zu hören.

Plötzlich tauchte auf der rechten Lahnseite ein Reitersmann auf. „Oh, der wird uns sicher helfen!“
Laute Rufe ertönen über das Tal. Arme und Hände winken. Der Reiter wird aufmerksam. Er schaut hinauf und winkend grüßt er die Mädchen. Aber sein Weg führt ihn weiter. Er hat wohl nicht verstanden, daß die beiden in Not sind und seine Hilfe erwarten.

Enttäuscht ließen die Winkenden ihre Arme sinken. Entsetzen erfaßte beide.
Lucy fing an zu weinen. „Ich will zur Mutter“,
schluchzte sie. Mary überlegte. Schnell riß sie ein Blatt aus ihrem Zeichenblock, schrieb in einigen Sätzen ihre Nöte auf, heftete das Blatt an ihren Hut und schleuderte ihn weit in die Lüfte. „Hoffentlich wird ihn unten jemand finden und uns aus unserer schlimmen Lage befreien!“

Neue Hoffnung erfüllte sie. Der Gedanke an das frohe Wiedersehen mit ihrer Mutter machte sie munter und frisch. Doch auch dieser tag verging, ohne daß sich jemand meldete.

„Herrgott, ist denn keine Rettung möglich?“
Verzweifelt sanken beide nieder. Hunger und Durst quälten sie. Mary trieb es mehrmals an den Rand des Turmes, um Ausschau zu halten. Die Nacht warf ihre Schatten und hüllte schließlich beide ein.

Am Morgen des dritten Tages lag Lucy im Fieber. Wirre Laute kamen von ihren brennenden Lippen: „Mutter, Mutter, ...“
Sie erkannte ihre Schwester nicht mehr, die sie in den Armen hielt, um sie wie eine Mutter zu trösten.
Da, ein neuer Hoffnungsstrahl! Unten fährt auf dem Rhein ein Schiff mit frohen Menschen vorbei. Mit letzter Kraft versucht Mary sich durch Zeichen verständlich zu machen. Sie sieht die Leute winken. Ob man ihre verzweifelten Rufe versteht? Aber das Schiff fährt weiter, ohne seine Fahrt zu stoppen. Mit Entsetzen bemerkt es Mary, und hoffnungslos sinkt sie nieder. Für sie gibt es keine Rettung mehr. Sterbensmüde ergreift sie ihr Buch, und mit zitternder Hand schreibt sie ihre ganze Not aus. Mit einem letzten Gruß an ihre Mutter schließt sie das Buch und legt es unter einen Stein. Vielleicht findet es jemand, der der Mutter oder der Nachwelt Kunde gibt.

"Ja, die gute Mutter! Wie war es so schön, von ihr umsorgt und umhegt zu werden. Alle Jugenderinnerungen erwachen in ihrer wunden Seele. Fest umklammert sie ihre Schwester. Bald wird der Tod sie erlösen. Es ist doch bitter, schon so jung sterben zu müssen, und drunten wartet das Leben!
Der nächste Tag, ein Sonntag, brachte beiden Erlösung von ihren Leiden. Schon am Morgen verstarb Lucy in den Armen ihrer Schwester. Mary erlebte noch einmal den Sonnenschein eines herrlichen Frühlingstages. Aber sie besaß keine Kraft mehr, um sich zu erheben und ihre Not noch einmal in die Welt zu rufen. Am Abend gab sie völlig erschöpft ihren Geist auf."

Tiefergriffen hören die Arbeiter die Erzählung aus dem Munde des Baumeisters. In stiller Ehrfurcht schaffen sie die Überreste der so tragisch ums Leben Gekommenen nach unten, um ihnen endlich eine würdige Ruhestätte zu geben. Mit Frühlingsblumen zieren sie das Grab.
Der Volksmund erzählt die Geschichte weiter:

„In Lahnstein jammerte die Mutter um den Verlust ihrer beiden Kinder. Alles hat sie aufgeboten, um die Verlorenen wiederzufinden. Ein Mann brachte ihr einen Hut, den er am Uferrand [der Lahn] aufgefischt hatte. Sie erkannte ihn als den Hut ihrer Tochter Mary. Aber nichts kündete mehr von ihrem Schicksal. Alles Suchen war vergebens. Ob die Fluten des Rheines ihre Töchter hinweggeführt hatten? Niemand wußte es. Gramerfüllt kehrte die einsame Frau nach England zurück, von wo sie mit ihren Kindern mit so vielen Hoffnungen gekommen war.“

 
 
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