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1970

Idilia Dubb > Quellen + Editionen


In der Rhein-Zeitung vom 23. Januar und 17. März 1970 veröffentlicht Hildegard Pankoke einen zweiteiligen Artikel über Idilia und ihr Schicksal, wobei sie sich ausdrücklich auf die Artikel im ‚Adenauer Kreis- und Wochenblatt’ vom 26. Oktober 1863 bezieht:


In der Burgruine Lahneck fand Idilia den Tod
Das grausame Schicksal einer jungen Engländerin am Rhein


1. Teil

Es war in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Europa hatte sich von den Wirren der Französischen Revolution und den Feldzügen Napoleons erholt, die überall tiefgreifende Spuren hinterlassen hatten. Der Mensch ‚lebte’ wieder. - Der alte Kontinent hatte keine nennenswerten kriegerischen Konflikte; es war eine Zeit, die in den Geschichtsbüchern etwas übergangen wird. Aber das sind die Zeiten, in denen die Menschheit in sich gehört, denn wir haben es gelernt, daß ‚glorreiche Zeiten’ das persönliche Ich fordern und das Einzelleben ignorieren.

Burg Lahneck war um 1850 noch eine Ruine. Im ‚Dreißigjährigen Krieg’ wurde die Burg durch schwedisches Militär zerstört und erhielt die grundlegende restliche Verwüstung in den Jahren 1662 und 1688 durch deutsche und französische Truppen.

Im Tal jedoch ist immer Leben, es ist Sommer, die Sonne scheint, das Land an Rhein und Lahn zeigt sich von der anmutigsten Seite. In jedem Jahrhundert hat es die Reisenden angezogen und begeistert. In jenem Sommer 1851 war eine Familie aus England mit ihren drei Kindern hier Gast, die sich an den Naturschönheiten unserer Heimat erfreute und eine ausgedehnte Wanderung zur Lahnmündung unternahm. In einem Gasthaus wurde Quartier genommen und am nächsten Morgen machte die älteste Tochter einen Spaziergang. Sie malte gerne und die Eltern waren es gewohnt, daß die Siebzehnjährige zuweilen alleine mit dem geliebten Skizzenblock verschwand, um nachher mit hübsch gemalten Motiven von dem Geschauten zuückzukehren. Aber an diesem Tage wurde es Mittag und Abend und Idilia, so hieß das Mädchen, kam nicht zum Gasthaus zurück. Als der nächste Tag begann und immer noch kein Lebenszeichen von ihr gefunden wurde, baten die Eltern um Suchaktionen, die allerdings nach einigen Tagen ergebnislos abgebrochen werden mußten.

Als die Burg, nach Jahren teilweise wieder aufgebaut werden sollte, fand man auf dem Plateau des Turmes ein menschliches Skelett. Nach den mysteriösesten Vermutungen des Volkes ermittelte man in dem Fund die Gebeine der Idilia Dubb, da weitere Fundsachen, Reste eines Strohhutes, eine kleine goldene Uhr an einer Kette, ein paar Ringe und eine Gürtelschnalle, von der Mutter des Mädchens als Eigentum ihrer Tochter erkannt wurden.

Nun besann man sich auch, daß im Jahre 1846 die steinerne Treppe zum Turmplateau während eines Unwetters eingestürzt war und man danach eine Holztreppe angefertigt hatte, weil der Turm ein beliebter Aussichtspunkt war. Mit der Holztreppe wurden auch an der Balustrade hölzerne Stufen angebracht, damit eine Aussicht über die hohen Zinnen möglich war.
Als diese Balustrade wegen Baufälligkeit abgetragen wurde, fand man in einer Mauerspalte ein kleines Taschenbuch mit den letzten, erschütternden Aufzeichnungen des unglücklichen Mädchens.

Können wir uns die Verzweiflung des armen Geschöpfes vorstellen, als es gerade die Plattform erreichte, die Treppe einstürzen hört und in einen gähnenden, dunkleren Abgrund sieht? Die Stufen, die die Sicht über die Zinnen ermöglichten, waren verfault zusammengebrochen. Sonst befand sich nichts in diesem luftigen Gefängnis, das Hilfe in de Not hätte sein können.
Idilia Dubb hat geschrieen, sie hat sich mit dem Taschentuch bemerkbar gemacht, sie hat Steine aus dem Mauerwerk gebrochen und diese aufgehäuft, damit sie ins Tal sehen konnte, ob nicht doch ein Mensch zu erblicken sei, der sie retten könnte. Aber alles war umsonst. Sie war und blieb alleine und unbemerkt.

2. Teil


Hier einige Ausschnitte ihrer Aufdie im ‚Adenauer Kreis- Wochenblatt’ am 26. Oktober 1863 veröffentlicht wurden, dessen Abdruck im Turm der Burg gesehen werden kann:

„Den ganzen Tag habe ich gerufen und geschrieen, aber niemand hat mich gehört. Meine Stimme, glaube ich, reicht nicht hinab. An den Rand der Öffnung, in welche die Treppe eingestürzt ist, wage ich mich nicht aus Furcht, daß ich hinabstürzen möchte. Im Moment des Schreckens eilte ich bis zu ihm hin, aber die schwindelnde Tiefe und das schwarze Dunkel nahmen mir so sehr die Besinnung, daß ich halb ohnmächtig davon wieder zurücktaumelte.“

„... alle Blätter meiner Skizzenmappe habe ich vollgeschrieben und einzeln herabgeworfen. Einige sah ich über die Bäume fort, andere ins Wasser fliegen. Ach, hätte ich mitgekonnt. Aber mich schließt die hohe Mauer der Brüstung ein. Vergebens versuche ich, mich oben an den Rand zu schwingen; meine Kräfte reichen nicht aus. Solange ich die Arme bewegen konnte, habe ich mit dem Taschentuch gewunken. Nichts hat geholfen. Und doch weiß ich, Vater, Mutter, George, Marie, Ihr sucht mich mit Herzensangst und laßt suchen. Wird denn niemand zu diesem Turm kommen?"

„Gott im Himmel, erbarme dich mein. Wieder habe ich gerufen, geweht, alle möglichen Anstrengungen gemacht. Meine Hände, meine Knie, mein ganzer Leib sind wund. Meine Augen, meine Lippen brennen. In den Ohren habe ich ein furchtbares Sausen. O mein Gott, soll mir denn keine Hilfe werden ...?“

Wenn wir heute von Katastrophen hören, sind meistens viele Menschen betroffen. Ob Erdbeben, Schiffs-, Flugzeug- oder Bergwerksunglücke, immer sind Menschen zusammen. Die Vorstellung aber - ein Mensch allein, ein junges, zartes Mädchen in der Einsamkeit zwschen iHimmel und Erde sieht den Tod schrittweise auf sich zukommen und war doch nur ausgegangen, die Schönheiten der Natur zu sehen - diese Vorstellung ist erschütternd.
Fast 120 Jahre liegt diese Tragödie zurück. Heute ist Burg Lahneck wieder aufgebaut. Es ist ein freundlicher Anwenn man hinauf schaut und die Burg wie eine Krone auf dem Berg erblickt, die von Siegfried III. in der Zeit von 1240/45 erbaut wurde. Wunderschön sieht sie am Abend erleuchtet aus, und wir freuen uns immer wieder an diesem schönen Bauwerk der Vergangenheit.

Wir wissen, daß die Jahrhunderte alten Mauern der Bauten unserer Heimat viel Freude, aber auch sehr viel Dramatik des menschlichen Lebens geborgen haben. Der Mensch ist nur ein Gast auf kurze Zeit.

 
 
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