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1980

Idilia Dubb > Quellen + Editionen


Pilkington verarbeitet den Idilia-Stoff in seinem Buch „Menschen und Städte an Neckar, Lahn und Main“ / Roger Pilkington. Ill. von David Knight. [Aus dem Englischen übertragen von Robert v. Benda. Die Übersetzung der Kapitel 1, 2, 11 und 12 und der überarbeiteten Abschnitte dieser neuen Auflage besorgte Hans-Rudolf Rösing]. - 2. Auflage. - Koehlers Verl. Ges.: Herford, 1980. - 404 Seiten. - ISBN 3-7822-0154-X

Dieses Buch besteht zum größten Teil aus Auszügen aus Büchern des Verfassers, die in England unter den Titeln »Small Boat to Bavaria«, »Small Boat through Germany« und »Small Boat on the lower Rhine« erschienen sind und sämtlich erstmals bei McMillan & Co Ltd., London, herausgegeben wurden.

Menschen und Städte an Neckar, Lahn und Main

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Eine in ganz anderer Weise tragische Geschichte von der Lahneck stammt aus jüngerer Zeit, als die Burg nur mehr eine Ruine war, noch nicht wiederaufgebaut wie heute, komplett mit Wohnhaus, Gastwirtschaft und Freilichttheater. Es war im Jahre 1852, als eine junge Frau, die das Rheinland bereiste, sich auf den Pfad zur Burg hinaufwagte und die Tür zum Burgturm aufstieß. Wer sie war, weiß ich nicht, aber ich meine, mich dunkel zu erinnern, ich hätte irgendwo gelesen, sie sei eine Engländerin gewesen. Wie dem auch sei, diese unglückselige Frau ging blind einem Schicksal entgegen, so unwahrscheinlich, wie es der jungfräulichen Heldin auf einem jeden mittelalterlichen Burgturm im Rheinland nur widerfahren konnte.
Die Burg Lahnstein wurde nicht oft besucht, und die junge Frau fand die Stufen bedeckt von den Überbleibseln, die die Dohlen hatten fallen lassen. Stufe um Stufe stieg sie die Wendeltreppe hinauf und erreichte schließlich die hölzerne Treppe, die zur Spitze führte und dem Sonnenschein entgegensteigend, ergötzte sie sich zweifellos an der Pracht der Aussicht auf das Tal des kleinen Flusses und über die Dächer von Oberlahnstein hinweg dahin, wo die Burg Stolzenfels stolz auf den Rhein herabblickte. Als sie jedoch wieder absteigen wollte, bemerkte sie, daß die Treppe nicht mehr vorhanden war. Das verrottete Holzwerk war bei ihrem Hinaufsteigen endgültig zusammengebrochen, und ob sie nun das Zusammenbrechen der Treppe hinter sich gehört hatte oder nicht, es gab jedenfalls keinen Weg mehr zurück.

Natürlich wäre eine derartige Entdeckung für jeden ein Schock, doch beruhigte sich die junge Frau gewiß bei dem Gedanken, daß Hilfe kommen würde. Sie brauchte ja nur zu rufen und zu winken, und es würde Alarm geben. Als sie das aber tat, sah niemand sie und sie mußte die Nacht auf dem Dach verbringen. Früh am nächsten Morgen winkte sie mit ihrem Schal und rief mit der ganzen Kraft ihrer Stimme hinunter zum Fluß, wo ein Boot stromabwärts fuhr. Der Schiffer hörte ihr Rufen; er rief zurück und schwang seinen Hut. Ja, es war ein klarer, lieblicher Morgen, nicht wahr? Ein feiner Tag für eine frühe Kletterpartie hinauf auf den Burgturm. Er winkte fröhlich und fuhr weiter. Später am Tage sah die Frau unten Schulkinder spielen. Auch ihnen rief und winkte sie zu. Die Leute winken Kindern oft zu. . . . Sie winken zurück und spielen weiter. Und genau das taten die Kinder auch damals, als die arme Frau um Hilfe rief und winkte. Wie viele sie noch gesehen haben, ich weiß es nicht. Doch kam niemand auf den Gedanken, sie könne in Not und Gefahr sein. Schließlich starb sie, von Hunger und Angst geschwächt, der nächtlichen Kälte auf dem Turm der Lahneck schutzlos preisgegeben.
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