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1989

Idilia Dubb > Quellen + Editionen


Leonhard Reinirkens (verst. 2008) publizierte die hier mit seiner freundlichen Genehmigung wiedergegebene Geschichte von Idilia Dubb in: „Von der Franzosenzeit bis zu den Anfängen von Rheinland-Pfalz : 1794-1954“, dem 2. Band von „Geschichtspunkte : Geschichte vor Ort: Rheinland-Pfalz“. - Bad Honnef : Bock. - 1989. - ISBN 3-87066-205-0. - 351 S. : Ill.

Die Tragödie von Burg Lahneck

Von Oberlahnstein, dort wo die Lahn in den Rhein mündet, steigt man auf gewundenem Pfad durch dichten Laubwald zur Burg Lahneck empor; und immer wieder, wenn der Blick sich zwischen den Bäumen öffnet, sieht man über den Rhein weg Schloss Stolzenfels liegen, das im vorigen Jahrhundert der Prinz von Preußen ein bisschen zu schön und zu prächtig wieder aufbauen ließ.

Auch die Burg Lahneck ist im vorigen Jahrhundert, in der schwärmerischen Spätromantik, wieder aus Trümmern aufgebaut worden, und heute kann man da oben ein gutes Glas Wein trinken.

Zerschossen haben die Burg die Franzosen im Jahre 1688, wie fast alle Befestigungen am Rhein, an der Mosel, in der Pfalz. Vorher war hier der nördliche Eckpfeiler im Territorium des Kurmainzer Erzbischofs. - Später, nach dem Wiederaufbau, sind es durchweg reiche Bürgerfamilien gewesen, Fabrikanten, Bankiers, denen die Burg gehörte.

Eine grausig-gruselige Geschichte hat sich auf dieser Burg abgespielt, und es ist keine Rittergeschichte von Fehden und Brudermord oder Geistererscheinungen, und sie gehört auch nicht ins Mittelalter, sondern genau in den Sommer des Jahres 1851.

Damals war Burg Lahneck noch eine Ruine. Aber gerade die Ruinen waren ja beliebt bei den Reisenden der romantischen Zeit, und niemand reiste so gern an den Rhein wie die Engländer. Der Rhein war für die Briten damals das, was heute vielleicht für uns Italien ist. Die vielen Stahlstiche der Rheinlandschaften von damals künden noch von der Reiseleidenschaft der Briten, denn viele sind von Engländern gezeichnet, bis hinauf zu einem Meister wie Wilhelm Turner.

Auch zur Familie Dubb aus London gehörte eine Tochter, die sich an den rheinischen Burgen und Ruinen begeisterte und immer ihren Skizzenblock dabei hatte, wenn sie durch Berg und Wald streifte: Miss Idilia Dubb war damals 17 Jahre alt.

Sie hatte die Rheinreise mit ihren Eltern unternommen, und nun wohnte man in einem Dorfgasthaus dicht am Rhein. Es war gar nichts Ungewöhnliches, wenn das Mädchen an einem schönen Morgen schon vor dem Frühstück zu einem Spaziergang aufbrach, sie konnte dann ungestört ihr Plätzchen zum Zeichnen suchen, die Sonne stand noch tief und ließ die Konturen der Landschaft deutlicher hervortreten.

Aber es kam ein Tag in diesem strahlenden Sommer 1851, da warteten die Eltern vergebens auf die Rückkehr ihrer Tochter. Als sie um die Mittagszeit noch nicht da war, wurde der Wirt alarmiert: Vielleicht hat ldilia sich verirrt! – „Schwerlich,“
meinte der Wirt, „wer sich hier verirrt, sieht bald von irgendeiner Höhe den Rhein oder die Lahn und kann sich orientieren“. – So kam der Abend, und das Mädchen war immer noch nicht zurückgekehrt. – Wenn sie nun irgendwo von einem Felsen, von einem Aussichtspunkt abgestürzt wäre, hilflos irgendwo läge? – Man überlegte auch, ob vielleicht eine Liebesgeschichte, eine Entführung vielleicht sogar, hinter dem Ausbleiben der Tochter stecken könne. Hatte nicht der Apothekerssohn aus Lahnstein sie ein paarmal begleitet, um ihr Wege und Landschaftsschönheiten zu zeigen? Aber über den hatte sie doch gelacht wegen seines schütteren Schnurrbärtchens und seiner wilden revolutionären Ideen. Und Nachfragen in der Apotheke ergaben: Man hatte sich schon eine Woche nicht mehr gesehen; Friedrich war an dem Tag nicht außer Haus gewesen.

Am nächsten Morgen wurde die Polizei benachrichtigt, der Wirt sorgte dafür, dass die Arbeitslosen und Gelegenheitsarbeiter, die kleinen Winzer und Bauern ein Stück Geld verdienen konnten. Die Engländer hatten's ja. Und so schwärmte eine Anzahl von Suchtrupps aus durch's Lahntal über die Berghänge am Rhein. Es wurde keine Spur gefunden. Am nächsten Tag durchzogen die Schulkinder unter Leitung ihrer Lehrer die Gegend, es ergab sich kein Hinweis, wo Miss Idilia geblieben sein könnte. Militär von Ehrenbreitstein verlegte eigens eine Übung in die Gegend um Oberlahnstein und durchkämmte die Wälder erneut. Umsonst.

Eine Woche verging. Die unglücklichen Eltern des Mädchens ließen Suchanzeigen in den Zeitungen erscheinen. Vielleicht hatte das Kind durch einen Sturz oder einen Schock die Erinnerung verloren.
Der Sommer und der Herbst zogen vorbei, und da kehrten die Eltern der Idilia Dubbs verzweifelt nach England zurück.

In der Gegend gingen Geschichten um: eine Räuberbande hätte das Mädchen verschleppt. Die Räuber hätten von den Eltern Lösegeld erpressen wollen, aber der Hauptmann habe sich in das schöne Mädchen verliebt und sei mit ihm vor dem Gesetz und vor seinen Spießgesellen geflohen ins ferne Ungarland.

Drei Jahre später begann der Wiederaufbau der Ruine Lahneck. Endlich kam man auch an die Reste des Bergfrieds, dessen baufällige Teile abgetragen werden sollten. Die Arbeiter bauten ein Gerüst bis zur oberen Plattform, und als sie dort über die zerbröckelten Zinnen stiegen, fanden sie ein menschliches Skelett, das ausgestreckt auf dem Boden lag. Das war kein Ritter, dazu waren diese Knochen zu zart; und auch die Stoffe, die vermodert um die Knochen hingen, waren noch zu gut erhalten. Der Bauführer wurde gerufen, stieg das hohe Gerüst empor, erinnerte sich beim Anblick, der sich ihm bot, plötzlich der so lang zurückliegenden Geschichte vom Verschwinden der Engländerin und befahl, jede Mauerritze hier oben zu durchsuchen.
Es fand sich eine goldene Uhr, es fanden sich zwei Fingerringe und Strumpfbandschnallen. Und schließlich zog ein Maurer zwischen zwei Steinen ein Notizbuch hervor. Die Aufzeichnungen darin sind später in der „Times“ veröffentlicht worden.

Das 17jährige Mädchen war damals an jenem frühen Morgen zur Ruine Lahneck hinaufgestiegen. Dann hatte sie die morsche Stiege erklettert, um von der Plattform des halbverfallenen Turms die Aussicht zu genießen.
Kaum ist sie oben, da hört sie in der Stille ein Krachen unter sich. Sie blickt entsetzt durch das Ausstiegloch und sieht: die Treppe ist zusammengestürzt. Vierzig Meter gähnender Abgrund in die Dunkelheit des Turmgemäuers liegen unter ihr. Miss Idilia schreibt in ihr Notizbuch: „Den ganzen Tag habe ich gerufen und geschrien, aber niemand hat mich gehört. Alle Blätter meiner Skizzenmappe habe ich vollgeschrieben mit Hilferufen und sie vom Turm geworfen. Einige wurden weit fortgetragen bis ins Tal. Ich habe mit dem Taschentuch gewinkt, solange ich die Arme bewegen konnte. Ich winkte einem Dampfschiff zu, das dort unten vorbeizog, die Menschen winkten zurück, und niemand ahnte etwas von meiner Not“.

So ist das junge Mädchen dort oben langsam zugrundegegangen. Ihre letzte Eintragung lautet: „Zwei Mauerschwalben kamen herangeflogen und setzten sich auf die Brüstung. Ein Gruß aus der Welt, aus dem Leben. Ich dachte, als sie davonflogen: sie bringen meinen Eltern die Nachricht, wo ich bin“.

Auf Burg Lahneck hängt das Bild einer jungen Engländerin aus jener Zeit, aber es ist nicht die unglückliche Miss Idilia Dubb, sondern die Queen Victoria am Beginn ihrer mehr als sechzigjährigen Regierung.

 
 
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