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Idilia Dubb > Oper > Rezensionen


Allgemeine Zeitung (Mainz) vom 04.08.2005

Rhein-Romantik kostet das Leben


Mark Moebius´ Kammeroper "Idilia Dubb" wird auf der Festung Ehrenbreitstein uraufgeführt


von Gisela Kirschstein


MAINZ/BERLIN Der Gesang der Loreley hat der Sage nach so manchen Schiffer in den Abgrund des Rheins gestürzt. Das Mittelrheintal ist reich an solchen Legenden, deren Tragik die Romantiker mit leicht morbider Faszination erschauern ließ. Es muss die Kulisse aus schroffen Bergen, tiefen Abgründen und hoch aufragenden Burgen sein, die Geschichten von Hingabe und Verzweiflung nährt - und offenbar auch Schicksale dieser Art: 1851 kommt auf Burg Lahneck bei Koblenz die 17 Jahre junge Schottin Idilia Dubb auf tragische Weise ums Leben. Aus ihrer Geschichte hat der Berliner Komponist Mark Moebius die Kammeroper "Idilia Dubb" gemacht, die am 14. September auf der Festung Ehrenbreitstein uraufgeführt wird.

1851 bereiste Idilia Dubb aus Edinburgh zusammen mit Eltern und Geschwistern das Mittelrheintal. Idilia ist begeisterte Malerin. Auch am Morgen des 16. Juni verlässt das Mädchen mit der Zeichenmappe unter dem Arm das Gasthaus in Niederlahnstein - und kehrt nicht mehr zurück. Eine fieberhafte Suche beginnt, Suchtrupps durchkämmen die ganze Gegend - vergeblich: Idilia bleibt spurlos verschwunden.

Im Herbst 1863 entdecken Bauarbeiter auf dem baufälligen Turm der Ruine Lahneck menschliche Gebeine. Deren Identität wird durch daneben gefundene Gegenstände schnell geklärt und durch ein in einen Mauerschacht geklemmtes Tagebuch bestätigt: "Oh Vater! Oh Mutter! Oh George und liebe Marie! Wie werdet ihr nach mir suchen, rufen und jammern ... oh, mein Gott - soll mir denn keine Hilfe werden?", schrieb die verzweifelnde Idilia. Begeistert hatte sie den romantischen alten Turm der Ruine erklommen, als hinter ihr die morsche Holztreppe zusammenbrach. Gefangen auf dem Turmplateau sieht sie ihrem sicheren Tod entgegen.

"Gereizt hat mich, dass es eine Geschichte ist aus der Gegend, aus der ich komme", sagt der gebürtige Niedernhausener Moebius. Mit 13 komponierte er die ersten Stücke, studierte später Komposition in Frankfurt und München. Moebius war 2003 Stipendiat der Künstlerstiftung Edenkoben und gewann die Ausschreibung "Neue Oper" der Kammeroper Schloss Rheinsberg. Zu dem Opernauftrag kam er über die Mainzer Gesangslehrerin Claudia Eder. Das Kammerorchester der Mainzer Musikhochschule aus Dozenten und Studenten spielt auch die neun Instrumentalpartien der Oper, der Mainzer Staatstheater-Intendant Georges Delnon übernimmt die Inszenierung.

Lediglich viereinhalb Monate hatte Moebius, der auch das Libretto schrieb, Zeit für das etwa 45 Minuten lange Werk. Das Ergebnis sei eine durchaus "hörbare" Oper, die stellenweise richtig harmonisch klinge, versichert der Komponist. Für den Anfang ließ sich Moebius gar von Richard Wagners "Rheingold" inspirieren, seine Musik will dem wellenförmigen Auf und Ab des Atems nachspüren. Der modernen Schule der Neuen Musik mit ihrem "Zerlegen" der Töne in ihre Einzelteile erteilt der Komponist eine Absage: "Ich versuche wieder mehr nach innen zu gehen und eine einheitliche Sprache von Harmonie, Rhythmik und Melodik zu finden", beschreibt er sein Ziel.

In drei Teilen schildert das Stück die letzten Tage des Mädchens. Ihre zunehmende Entkräftung und das langsame Sterben übersetzt Moebius in einen Wechsel aus Wachszenen und Traumsequenzen. In Letzteren vermischen sich Idilias romantisches Teenagerstreben mit den Mythen des romantischen Tals, wird aus ihrem Wehklagen "Was trieb mich auf den Turm" das klagende Lied der Loreley "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten". Die Romantik kostet Idilia Dubb das Leben - am Ende verschlingen die Wellen des Todes die junge Schottin ebenso wie die Wellen des Rheins die Loreley. Doch Moebius´ Ausblick bleibt ebenso romantisch wie optimistisch: Was überlebt, sind die Mythen - das alte Lied der Loreley erstrahlt in neuem Glanz.





 
 
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