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Idilia Dubb > Rezensionen


DIE ZEIT 08/2003

Gefabelt und gemuthmaßet

1851: Das Tagebuch eines 17-jährigen schottischen Mädchens erzählt von Romantik und Tod in einer Burgruine am Rhein


von Karla Schneider


Wenn eine 17-Jährige, mit der Familie auf Ferienreise im Ausland, plötzlich wie vom Erdboden verschluckt ist, darf man meistens mit dem Schlimmsten rechnen, auch Anno 1851 schon. Die Dubbs, Schotten aus Edinburgh, waren von Rotterdam aus den Rhein hinaufgefahren bis Koblenz. Während eines Abstechers nach Oberlahnstein verschwindet die älteste Tochter Idilia spurlos. Fahndung und überregionale Suchanzeigen bleiben ergebnislos. An den Turm der Burgruine Lahneck dachte niemand, war doch dessen morsche Treppe zusammengebrochen. Neun Jahre später erst entdeckte man bei Abrissarbeiten auf dem Plateau des Turms das Skelett des Mädchens und ein neu angefangenes Tagebuch. Die Aufzeichnungen gehen nicht über den vierten Tag hinaus. Man kann sie nicht ohne Erschütterung lesen.

Idilias anderes Tagebuch war im Gasthof zurückgeblieben. Es enthält Details der Rheinreise und schildert die vorausgegangene Woche als eine turbulente, anstrengende, abenteuerliche und verliebte Zeit. Fast könnte man denken, des Geschickes Mächte hätten hier Leben zusammengeballt, das für einen längeren Zeitraum gedacht war, aber aus Fatumsgründen schnellstens verbraucht werden musste. Denn die rotblonde Idilia lernt auf dem Dampfschiff den Deutschen Christian Bach kennen, Mineralwasservertreter und des Englischen mächtig, eine Bekanntschaft, die dafür sorgt, dass die Tagebuchnotizen nicht nur den vorüberziehenden Ufern und dem Eheknatsch der Eltern Dubb gelten. Nach einem abendlichen Landgang nämlich verpassen die jungen Leute das Schiff und sind die nächsten Tage damit beschäftigt, ihm auf alle mögliche Weise hinterherzujagen. Bemerkenswert: Das Pärchen, derangiert von staubigen Fußmärschen, Gewittergüssen und Prügeleien, eindeutig nicht verheiratet, zudem ohne jedes Gepäck, stark vagabundenverdächtig, erhält überall entlang des Rheins ohne Fisimatenten das geforderte Doppelzimmer, sogar im noblen Bonner Grand Hotel Royal. Das Biedermeier war augenscheinlich weniger spießig als sein Ruf.

Viele Jahre später versuchte eine Freundin, Geneviève Hill, Idilias Tagebuch herauszugeben. Kein Verlag zeigte Interesse, obwohl sie es einer „Bearbeitung“ unterzogen hatte, was bei Personen mit eingestandenen schriftstellerischen Neigungen so gut wie immer ein Freveln am Original bedeutet. Zwar scheint der gewissenhaft auflistende Schreibstil der Siebzehnjährigen immer durch, aber es fällt ein Tonwechsel gelegentlich doch deutlich auf, man merkt die fremde Hand, die Valeurs verteilt und Zeilen schindet. Aus der Saat des Zweifels einige Keime: ob im ursprünglichen Tagebuch, für eine ausgewanderte Freundin vorgesehen, tatsächlich so schwül-intime Stellen zu finden sind wie: „…ließ ich zu, daß er mich mehr als nötig berührte… ich hinderte ihn an nichts“ et cetera, wobei der grapschende „er“ nicht etwa der fröhliche Christian ist, sondern irgendein deutscher Offizier, ebenfalls Passagier auf der Stolzenfels. Kann jemand, nachts im Hotel für etwa anderthalb Stunden allein gelassen, den vergangenen Tag ratzfatz auf circa 66 Druckseiten niederschreiben? Ist „das Gesamtwerk des Künstlers Albrecht Dürer“ jemals in Koblenz beheimatet gewesen? Können Postkarten geschrieben werden, wenn diese erst 1871 in Gebrauch kamen? Nichtsdestotrotz liest man alles mit Anteilnahme; es hätte einen prima Balladenstoff abgegeben, wenn die Zeit dafür nicht vorbei gewesen wäre. Nun aber soll sich der Film des Tagebuchs angenommen haben. Dort ist es auch gut aufgehoben.

Karla Schneider zeigte in einem Brief viele Details auf, die beweisen, dass das Tagebuch überwiegend von Genevieve Hill verfasst, also gefälscht worden ist.

 
 
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