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Festrede Staatssekretär Härtel

Idilia Dubb > Präsentation auf Lahneck


Präsentation der deutschen Edition am 31. Juli 2002 auf Burg Lahneck

Rede des Staatssekretärs
im Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung, Forschung und Kultur
Roland Härtel


Meine Damen und Herren,

Vor einem knappen Monat hat das Welterbe-Komitee das Obere Mittelrheintal zwischen Bingen und Koblenz zum Weltkulturerbe erklärt.

Damit ist der Mittelrhein - neben dem Tal der Loire, der Wachau in Niederösterreich und dem Tal des Douro in Portugal - nunmehr als vierte große europäische Flusslandschaft in dieser Liste vertreten.

Der internationale Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) und das Welterbe-Büro begründeten ihre Entscheidung insbesondere mit der Einzigartigkeit dieses Rheinabschnitts als „einer Kulturlandschaft von großer Vielfalt und Schönheit“.

Der Rhein ist seit jeher ein Vielvölkerfluss gewesen. Seit mehr als zwei Jahrtausenden dient er als kultureller Verbindungsweg zwischen der Mittelmeerregion und dem Norden Europas. Über Jahrhunderte hinweg hat der Flussabschnitt zwischen Mäuseturm und Ehrenbreitstein Maler, Musiker und Literaten inspiriert.

Auf den Monat genau vor zweihundert Jahren beschrieb Achim von Arnim in seinem Brief an die Gräfin Schlitz den einmaligen Wert „... ganz wie im Himmelreich, nur nicht umsonst, und etwas heißer.“

Mit dieser Bewertung war er jedoch nicht allein: Friedrich Schlegel, Clemens von Brentano, Heinrich Heine, Ferdinand von Freiligrath, Friedrich Hölderlin, um nur einige zu nennen, aber auch dichtende Literatinnen wie Bettina von Brentano oder Caroline von Günderrode schufen die Grundlage dessen, was unsere Sicht der Region bis heute als „Rheinromantik“ prägt.
Wenn auch Freiligrath „vom Zauber des Rheins ergriffen“ war, die entscheidenden Impulse für die Entdeckung des Stroms gingen von europäischen Nachbarn aus: Nach niederländischen Künstlern waren es ab Ende des 18. Jahrhunderts vor allem englische Reisende, die in Wort und Bild auf ihrem Weg gen Süden dieser Region neue Dimensionen abgewannen. Der Mittelrhein wurde damit zugleich zu einem Symbol par excellence der europäischen Romantik:

Namen der Weltliteratur wie Lord Byron mit "Childe Harold's Pilgrimage", Mary Shetley, Autorin des Schauerromans "Frankenstein, for the modern Prometheus" oder Victor Hugo mit "Le Rhin" ergänzten die poetische Geschichte dieses Flusses um grenzüberschreitende Einsichten.

Mit dem Frieden nach den Napoleonischen Kriegen besuchten verstärkt englische Maler diesen Fluss. Zu den bekanntesten zählt William Turner mit seinen Visionen eines romantischen Geistes.

Denkmäler einer erhabenen Geschichte, Ruinen als Symbole der Vergänglichkeit thronen über den Menschen, die in den kleinen Städten am Fluss ihrer oft eintönigen Arbeit nachgehen, und ununterbrochen fließt der Strom des Rheines und zugleich der Strom der Geschichte.

Wie eine große Parklandschaft erscheint das Tal zwischen Koblenz und Bingen. Eingebettet in eine pittoreske Natur stehen - gleich den künstlichen Ruinen, gotischen Häusern und Kapellen in einem englischen Garten - die herausgeputzten Monumente, oft in vielfältiger Blickbeziehung, insbesondere erfahrbar im Mündungsbereich der Lahn zwischen Koblenz und Braubach.

Stolzenfels und sein Gegenüber Lahneck, in den vierziger und fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts ausgebaut, die um 1856/57 wiederhergestellte Johanneskirche, der von Friedrich Wilhelm IV. rekonstruierte Königsstuhl, in der Ferne der Ehrenbreitstein und die Marksburg.

Englische Literatur, englische Malerei, aber auch englische Architektur haben ihre Spuren am Fluss hinterlassen: Ohne die englischen Vorbilder sind die architektonischen Perlen der Rheinromantik nicht denkbar. Schinkels Planung für Stolzenfels greift die Architektur der englischen Spätgotik auf.

Die ehemalige mainzerische Feste Lahneck baute ein unbekannter Architekt in englischer Neugotik aus, zudem noch für einen englischen Bauherrn, den Eisenbahnunternehmer Moriarty.

Denkmalpflege lebt nicht in erster Linie von staatlichen Zuschüssen, sondern von den eigenen Leistungen der Denkmaleigentümer. Ohne die für Außenstehende zuweilen sehr ‚spezifisch’ erscheinende Begeisterung für alte Gemäuer, ohne die Verantwortung für das übernommene Kulturerbe, ohne die Bereitschaft, in die Pflege eines Denkmals statt in die eines ‚angesagten’ Hobbys zu investieren, blieben die staatlichen Bemühungen vergebens!

Die Familie Mischke - von Preuschen zählt zu diesem Kreis von Engagierten, ohne die es auch das heutige Bild der Kulturlandschaft Mittelrhein nicht gebe.

Burg Lahneck, Burg Liebenstein und die Burg Osterspai mit gotischem Wohnturm und romanischer Doppelkapelle gehören zu den herausragenden Kulturdenkmälern des Mittelrheins, die rund 800 Jahre deutsche Geschichte widerspiegeln.

In vielen Gesprächen mit dem Ministerium hat das Landesamt für Denkmalpflege die hervorragende Zusammenarbeit mit dem Freiherr von Preuschen immer wieder hervorgehoben.

Wir hoffen, dass das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz den Vorschlag des Landesamts für Denkmalpflege nunmehr in diesem Jahr aufgreift, Freiherr von Preuschen mit dem Denkmalpreis des Nationalkomitees auszuzeichnen. Verehrter Freiherr, Sie hätten es auf jeden Fall verdient!

Die Auszeichnung des Mittelrheintals als Erbe der Welt ist kein Schlusspunkt. Das nunmehr verliehene Logo „Welterbe“ als Gütesiegel muss immer wieder neu verdient werden.

Es sind die traditionsreichen landesgeschichtlichen Vereine und Verbände, die sich als unabhängige Vertreter der Interessen der Landschaft, ihrer Menschen, ihrer Kultur- und Naturgüter für diese Landschaft engagieren. Sie machen die Menschen auf die Werte dieser Landschaft durch Vorträge und Publikationen aufmerksam.

Sie scheuen auch nicht davor zurück, zuweilen den Finger in offene denkmalpflegerische Wunden zu legen. Rund 400 solcher Vereine gibt es in Rheinland-Pfalz, die sich für bestimmte Kulturdenkmäler engagieren. Manche von ihnen - wie der Lahnsteiner Altertumsverein - sind schon vor mehr als 100 Jahren gegründet worden.

In einer schnelllebigen Zeit wie der unseren ist gerade eine Halt bietende Verankerung in der Geschichte besonders wichtig! Damit werden auch die Frauen und Männer unverzichtbar, die engagiert und mit Augenmaß das historische Bewusstsein ehrenamtlich pflegen.

Stellvertretend für die vielen Tausend ehrenamtlich in diesem Bereich engagierten Bürgerinnen und Bürger in Rheinland-Pfalz danke ich den Mitgliedern des Lahnsteiner Altertumsvereins und seinem Vorsitzenden, Herrn Hans G. Kuhn, für ihren großen Einsatz! Dieses ehrenamtliche Engagement ist für unsere Gesellschaft insgesamt von unschätzbarem Wert. In diesem Engagement leisten viele Bürgerinnen und Bürger kompetente Arbeit und übernehmen Verantwortung. Die ehrenamtlich Tätigen gestalten, tragen und entwickeln die Vielfalt des kulturellen Lebens unserer Gesellschaft. Die ehrenamtliche Arbeit in allen ihren Fassetten und Tätigkeitsfeldern ist Ausdruck gelebter Verantwortungs- und Handlungsbereitschaft für die Gesellschaft. Sie bedeutet Teilhabe, Mitgestaltung und Mitwirkung, Nähe und Einflussnahme in allen Bereichen der Gesellschaft. Gegenläufig zum Trend zunehmender Individualisierung leisten Freiwillige, die sich in ihrer Freizeit engagieren, einen Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft und zur Förderung der Sozialkultur. Ehrenamtlich tätige Menschen sind aktive Idealisten; sie zeigen Verantwortung und stellen ihr Wissen und Können in den Dienst der Gemeinschaft und schaffen damit eine menschlichere Gesellschaft mit persönlicher Zuwendung.

In den historischen Kontext der Rheinlandschaft und der Rheinromantik gehört auch die traurige Ballade der jungen Britin Idilia Dubb, die schon lange - allerdings nur auszugsweise - in Anthologien von Rheinsagen Aufnahme gefunden hat. Es ist die Geschichte des Mädchens, das vom Turm der Lahneck den Schiffern verzweifelt zuwinkte, um auf ihr persönliches Unglück aufmerksam zu machen und so dem sicheren Hungertod zu entgehen. Es handelt sich hier nicht um eine rührselige Erfindung, wie beispielsweise die Geschichte von den feindlichen Brüdern, sondern um ein Zeitzeugnis.

Mit den Sagen ist es wie mit Bäumen und Bauten: sie entwickeln sich weiter und setzen Jahresringe an. Auch unsere Zeit trägt das ihre zum Bild der Kulturlandschaft bei, unsere Gegenwart wird einmal Geschichte sein und Stoff für Geschichten liefern, hoffentlich nicht zu schaurigen.

Ich freue mich, dass nunmehr der Bertelsmann-Verlag dieses Tagebuch als Zeugnis seiner Zeit veröffentlicht. Dies geschieht auch mit Unterstützung der Rheinland-Pfalz-Tourismus GmbH, der Rheinischen Landesbibliothek, des Rhein-Museums Koblenz und der Stadt Lahnstein.

Mein Dank gilt in diesem Zusammenhang weiterhin den beiden ‚treibenden Kräften’: Herrn Ralf Petzholdt und dem Vorsitzenden des Lahnsteiner Altertumsvereins, Herrn Hans G. Kuhn.

 
 
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