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Idilia Dubb > Oper > Rezensionen


freiepresse.de, 15.9.2005

von Gisela Kirschstein


Koblenz (ddp-rps). Der Turm ist ein weißes, halbtransparentes Gebilde aus Stoff, massiv und durchsichtig zugleich. Genauso erscheint die Gestalt auf ihm: Ein junges Mädchen, in weißen, fließenden Stoff gehüllt, hebt ihr Gesicht. «Idilia» ist der Name der Hauptperson und zugleich der Kammeroper, die am Mittwochabend auf der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein ihre Uraufführung feierte. Der Berliner Komponist Mark Moebius erzählt darin die tragische Geschichte der 17-jährigen Schottin Idilia Dubb, die 1851 auf der Burg Lahneck ums Leben kam. Die Oper entstand im Auftrag des Landes Rheinland-Pfalz und wurde im Rahmen des Sommerkurses «Singing Summer» einstudiert.

Die Oper beginnt mit einem durchdringenden Hilfeschrei: Ganz allein war Idilia auf den Turm der verfallenden Ruine geklettert, als hinter ihr die morsche Treppe zusammenstürzte und den Rückweg abschnitt. Die Geschichte ist wahr, Idilia Dubb starb tatsächlich auf dem Turm, ihre Gebeine wurden erst zwölf Jahre später bei Bauarbeiten gefunden. Auskunft gab ein bei den Knochen gefundenes Tagebuch, in dem Idilia ihre Nöte festhielt. Das Tagebuch diente nun als Textgrundlage für die Oper.

Die ganze Ausweglosigkeit der Situation verpackt Moebius gleich zu Beginn in den gewaltigen Schrei der Protagonistin. Immer wieder schwillt die Musik ab und wieder an, um sich erneut zu einem durch und durch gehenden Schrei zu steigern. Dann wieder säuseln die Geigen, entlockt der musikalische Leiter Marius Stieghorst den insgesamt neun verschiedenen Instrumenten sphärische Töne wie aus anderen Welten. Wie Wellenbewegungen schwingt die Musik, dann wieder duellieren sich die Figuren in eher dissonanten Passagen. Doch immer ist Moebius Musik von einer großen Kraft und Spannung durchdrungen, die den Zuhörer mit ihren modernen Klangteppichen von der ersten Note an in den Bann zieht.

In zehn Bildern schildert Moebius das langsame Sterben der Idilia, durchwoben von Traumszenen, in denen die Mythen des Mittelrheintales zum Leben erwachen: Der Dichter Heinrich Heine erscheint, sein berühmtes Loreley-Gedicht deklamierend und die Frau auf dem Turme als «seine» Loreley umwerbend. Doch die Loreley ist müde, sie will von ihrem Felsen herab, weil die Touristen sie nerven. Ihren Vater Rhein fleht sie an, ihn zu sich zu holen, der ringt mit Heine um die Muse auf dem Fels.

Das tragische Ende der Idilia ist unausweichlich und dennoch nicht ganz vergebens: Mit neuer Inspiration erschafft Heine sein Loreley-Lied zu neuem Leben, erfahren die alten Mythen neuen Glanz: «Und das hat mit ihrem Singen, die Loreley getan.»

Die Szenerie der Kammeroper ist vom Mainzer Intendant Georges Delnon in eindringlicher Schlichtheit gehalten. Vor diesem Tableau entfalten sich die großartigen Leistungen der Sänger: Hubert Wild treibt den Heine mit furiosen Läufen und Sprüngen von Baritonlage bis hinauf in luftige Counterhöhen, Nicola Christov gibt «Vater Rhein» als Bass ein tiefes Fundament und Diana Schmid verzaubert als «Verlorene Stimme» der Loreley.

Über allem aber schwebt Chan Wang: Die 26-jährige gebürtige Chinesin verkörpert Idilia/Loreley mit einer zarten Zerbrechlichkeit, die alles Leiden sichtbar macht, und zugleich mit einer grandiosen Stimme alles überwindet. Nicht enden wollender Applaus und Bravo-Rufe am Ende waren der verdiente Lohn.

 
 
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