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Karla Schneider

Idilia Dubb > Rezensionen


Karla Schneider, Kampstr. 34, 42349 Wuppertal, 0202/471404 - 28.2.03

An
Herrn Hans G. Kuhn
Lahneckstr. 12
56112 Lahnstein

Sehr geehrter Herr Kuhn,

eigentlich hatte ich meine privaten Vorbehalte, Bedenken und Sonstiges in Sachen „Idilias Tagebuch“ mit der Rezension abgehakt. Daß ich am Ende leise Zweifel anmeldete, war schon gegen die sonstigen Gepflogenheiten, bin ich doch gehalten, wegen des minimalen Platzes, der der Kinderliteratur zugebilligt wird, mich ausschließlich auf Empfehlungen zu beschränken und nicht Herabsetzungen oder gar Verrisse laut werden zu lassen.

Nun muß ich aber doch noch was dazu bemerken, allerdings nur so aus dem Gedächtnis, da ich das Buch im Moment nicht greifbar habe (aus Platzgründen schenke ich viele der Rezensionsexemplare an die Kinder von Freunden oder die Jugendbibliothek hier am Ort), und außerdem liegt meine Beschäftigung mit dem Stoff nun ein Vierteljahr zurück (ich schrieb die Rezension bereits im November; daß sie dann so lange lag, ist der o. erw. Platzfrage anzulasten). So, hab's gerade ausgebuddelt, war noch da!

Also, um es gleich rundheraus zu sagen: Ich persönlich bin der Ansicht, diese Genevieve Hill hat uns hier einen ziemlichen Wechselbalg untergeschoben! Für mich ist sie eins jener armen Luder, deren Blütenträume nie gereift sind - weder der als Frau noch der als Schriftstellerin.

Nehmen wir mal an, sie, Idilia und die gleichfalls erwähnte Gwendolyn seien ungefähr gleich alt, d.h., wenn 1851 17 Jahre alt, demnach 1834 geboren. Sie arbeitet als Bibliothekarin in London, was auf Viktorianisch heißt: Sie hat keinen Mann abgekriegt, denn eine Heirat hätte Erwähnung gefunden. Mit 34 hat sie den Unfall, sitzt von nun an im Rollstuhl und ist allein auf Lektüre und Phantasie angewiesen, will sie am „Leben, wie es wirklich ist“ teilnehmen. Sie ist eine der unzähligen „spinsters“ des an alten Jungfern so reichen Viktorianischen Zeitalters. Versuche, eigene Geschichten, Bücher gar zu veröffentlichen, scheitern. Sie muß wirklich sehr untalentiert gewesen sein, denn dieser Beruf stand Frauen dazumal durchaus offen und wer was konnte, wurde auch gewürdigt. Ich denke hier nur an Genevieves Zeitgenossin George Eliot.

Inzwischen hatten sich die Zeiten geändert. Will sagen: 1878 (zur Zeit des Nachwortes) war man mitten in der Gründerzeit. Mit der Zeit hatte sich auch der Geschmack geändert: die Architektur, die Interieurs, die weibliche Mode – alles hatte einen Zug ins Schwülstige, Bombastische, Überladene, die neu gebauten Häuser glichen verbumfeiten Ritterburgen, die Inneneinrichtungen strotzten nur so von schweren Stoffen, falschen Buketts, Buntglas, zentnerschweren überverzierten Möbeln etc.etc.

Das Mittelalter wurde wieder Mode, das Altdeutsche wurde hierzulande neu entdeckt, auch Dürer kam zu neuen Ehren - und nun will ich gern glauben, dass die „Betenden Hände“ schon mal in einem Hotel Garni an der Wand hingen; richtig Mode wurden sie erst um 1900. Und nun mag es auch glaubhaft sein, daß z.B. eine kleine Ausstellung Dürers Kupferstiche in einem Kleinstadtmuseum zu besichtigen ist. Nie und nimmer aber, schon gar nicht um 1850 herum, hätten die großen Europäischen Galerien ihre Dürers quer über Land in ein total unbekanntes Nest am Rhein hergeliehen, nie!!

Meine Skepsis setzte gleich am Anfang ein, als es heißt: „ungekürzter Text“ und im gleichen Atemzug „in einer bearbeiteten Fassung“. Also - entweder oder. Und wer ist überhaupt dieser Dutsh? Hat er am Ende auch mitgemischt und ist die im Übermaß verteilte Erotik etwa auf seinem Mist gewachsen?

Gegen die heiße Liebesszene auf der Turmplattform am Tag vor dem Crash spricht am ehesten noch Idilias Niederschrift selbst. Ich meine die einzige, die uns als zuverlässig überliefert ist, nämlich der kleine, aber dafür authentische Abdruck im Adenauer Kreis- u. Wochenblatt, der sich wiederum auf den engl. Urtext bezieht, abgedruckt in der Times u.a. engl. Blättern. Zu einer Zeit also, als sich Genevieve noch nicht daran vergriffen hatte.

Mir genügt die Bemerkung „...bin ich die schwankende morsche Treppe einer alten Burgruine emporgestiegen und eben habe ich das Plateau derselben erreicht, so trifft ein fürchterliches Gekrach mein Ohr...“ usw.usf. Kein einziges Wort der Erinnerung an DAS große Liebeserlebnis ihres jungen Lebens! Kein Wort davon, daß sie schon mal hier oben gewesen sei, denn dann hätte es „der alten Burgruine“ geheißen und nicht das unpersönliche „einer“. Ich sage, sie ist zum allerersten Mal hier. Und zwar absolut auf eigene Faust. Und wen ruft sie in ihrer Seelenpein immer wieder an? „Vater, Mutter, George, Marie“. Nicht einen Gedanken an den Heißgeliebten. (Wie denn auch, wo es ihn doch gar nicht gegeben hat oder wenn doch, dann allenfalls als harmlosen Flirt auf dem Dampfer.) Vergleichen Sie mal das Zitat des originalen Tagebuchs auf S. 19 mit dem, was Genevieve daraus gemacht hat, S. 205!! Plötzlich taucht der Geliebte auf, wie der Teufel aus der Schachtel. Und Gwen (für die das Tagebuch bestimmt gewesen sein soll und die ihr in der Lage garantiert Hekuba gewesen ist) auch noch, ei gucke da! Sich selbst auch noch mit in die Gebetslitanei hineinzumogeln, hat sich selbst die unverfrorene Genevieve wohl nicht getraut.

Hier war ich 100% überzeugt, daß das Ganze ein dicker Beschiss ist. Will sagen, ich zweifle nicht daran, daß es tatsächlich ein Teenager-Tagebuch der kleinen Idilia gegeben hat, aber es war mit Sicherheit weitgehend harmlos und wahrscheinlich hinter dem viel wichtigeren Skizzenbuch rangierend.

Die ehemalige „Braut“ des reichlich dubiosen Christian Bach will angeblich ein Stück „Seil“ neun Jahre lang aufgehoben haben, das aus einem Stück Kleid zusammengedreht war, obwohl sie seit Jahren nichts mehr mit ihm am Hut hat, längst verheiratet und Mutter von vier Kindern ist? Warum sollte sie etwas Unnützes aufheben, von dem sie sich nichts verspricht? (S. 208/209)

Es beginnt die endlose Serie der Dubiositäten auf S. 21 mit dem allerersten Eintrag, mit der von mir bereits in der Rezension angezweifelten „Postkarte aus New York“ im Jahr 1851.

Dann schildert Idilia der Freundin, die doch in persona dabei gewesen war, noch einmal den vor langer Zeit stattgefundenen Abschied voneinander. Meint sie, die Freundin könne sich nicht mehr erinnern? Sie erklärt ihr auch noch mal detailliert die Ausgangslage, die zur Auswanderung von Gwens Eltern geführt haben mag - was soll das denn? Daß Genevieve sich hier gleich am Beginn selbst einführt (S. 22 oben), erklärt es so halbwegs.

Dieser überlange Sermon dann, der per Rückblick Henrys schändliches Benehmen erzählt, hätte in einem echten Tagebuch unter dem aktuellen Datum gestanden und gehört streng genommen nicht in ein Reisetagebuch. Und daß sie den Grund für die Entlobung als „Traum“ erzählt, ist ein abgenudelter Roman-Trick. In einem echten Tagebuch, wie schon gesagt, hätte man es sich direkt von der Seele geredet. Ich sage mal, wenn es diesen Henry tatsächlich gegeben hat und wenn die Verlobung tatsächlich aufgelöst wurde, dann hat Genevieve den Grund dafür sich selbst aus den Fingern gesogen. Der Ton, in dem die Szene erzählt wird, ist der nämliche, in dem alle anderen „Liebesszenen“ geschrieben sind, die das eher nüchterne Tagebuch aufpeppen sollten. Und von wem stammen sie? Meiner Meinung nach von Genevieve oder Dutsh.

Dann die detaillierte Beschreibung des Dampfschiffs - als hätte sie es mit jemandem zu tun, der noch nie im Leben auf einem Schiff war. In Anbetracht der Tatsache, daß Gwen wochenlang auf einem viel größeren Schiff unterwegs war, als sie mit ihren Eltern auswanderte, scheint das Wichtignehmen des Schiffs eher eine Geste an die Adresse des potientiellen Lesers von 1878, als Genevieve sich drüber her machte.

Das Leben und Treiben auf dem Schiff nun ... ich habe mehrfach den Kopf geschüttelt. Es mag wohl ein „Narrenschiff“ gewesen sein, wie zu erwarten bei einer solch bunten Gesellschaft von Passagieren aus unterschiedlichen Ländern, aber was da der überhitzten Altjungfernphantasie der Miss Hill entquillt, erinnert mich eher an Erzählungen von Freunden, die in den Siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts von dänischer oder schwedischen Häfen aus mit den berüchtigten „Butterschiffen“ in die Dreimeilenzone aufbrachen, allwo sämtliche Hemmungen fielen und jeder den Schnaps in sich hineinkippte bis er wieder rauskam, von anderen Hemmungslosigkeiten ganz zu schweigen.

Da halte ich mich doch lieber an eine ganz „normale“ Rheindampferfahrt zur akkurat gleichen Zeit! In eben dem Jahr, 1851, kam nämlich Thackereys satirische Skizze „Die Kickleburys am Rhein“ heraus, die auf eine selbst erlebte Reise im Jahr davor zurückgeht bzw. dadurch angeregt wurde. (Falls Sie das auch mal nachlesen wollen und auch anschauen, denn das Bändchen ist mit Zeichnungen des Verfassers angereichert: Meine Ausgabe ist ein Inselbüchlein Nr. 551, allerdings in Leipzig 1961 erschienen, will sagen, die gesamtdeutsche neue Ausgabe dürfte eine andere Nummer tragen.)

Angesichts der flüchtigen Skizzen etwa der Relinghöhe wird einem das angebliche Daraufherum-Balancieren der Schwester Mary, immerhin bereits zehn Jahre alt, als komplett hirnrissig vorkommen. Eine Schiffsreling reichte etwa bis unter Brusthöhe einer Dame, einem zehnjähr. Kind dürfte sie bis zum Hals gereicht haben. Selbst wenn sie auf die umlaufenden Bänke kletterte, hätte sie keinerlei Halt gehabt, hätte sie auf dem Handlauf der Reling „balancieren“ wollen, ich meine, jeder Mensch mit Augen hätte gesehen, daß er sich gerade mal eine Sekunde da oben hätte halten können, ehe er entweder nach hinten oder in den Strom gefallen wäre. Es ergibt so überhaupt keinen Lustgewinn, etwas derart Beknacktes zu tun, also glaube ich nicht daran, daß es geschah. Es ist eine der unzähligen Zutaten der spinnigen Miss Hill.

Oder die Sache mit dem Zwist, dem vermeintlichen zwischen Christian und dem „preußischen Offizier“: Miss Hill hätte sich leicht informieren können, daß ein preußischer Offizier NIEMALS, unter gar keinen Umständen, sich mit einem Zivilisten auf ein „Duell“ eingelassen hätte. Und dann noch coram publico, unter den Augen des gesamten Schiffes?! Er hätte ihn „anonym“ verprügeln lassen, aber dann an Land.

Apropos „an Land“: ich glaube nicht, daß diese Doppelzimmer-Odyssee entlang des Rheins der Wahrheit entspricht. Se wenig wie ich glaube, daß um 1851 eine Siebzehnjährige bei einem Mann, den sie zum allerersten Mal erblickt, sofort den Schnitt der „Hosen“ registriert und das auch noch im Tagebuch festhält; sie hätte zumindest „Beinkleider“ gesagt. Aber eigentlich kann es, wenn denn, allenfalls ein unterbewusstes Registrieren gewesen sein.

Sie stillt auf S. 88 oben Blutungen an Gesicht und Händen ihres „deutschen Begleiters“ - hat sie denn noch so viele andere, daß sie die Feststellung für nötig hält? Weiß der Leser das nicht schon lange, daß er Deutscher ist?

Dann S. 94 - diese idiotische Springerei von Bord zu Bord! Halten Sie das für möglich?

Ihre Ansichten über deutsche Bevölkerung zeigt eindeutig, daß die Geschehnisse kaum der Wahrheit entsprechen. Z. B. der Mann auf dem Pferdewagen (S. 97), der „immerhin gebrochen Englisch“ spricht (was bei der deutschen Landbevölkerung ja gang und gäbe ist, wie man weiß!?!). Oder die „elegante Dame“ auf S. 119, eine Matrone von bereits 50 Jahren, die ihren Pferdewagen (es ist von keinem Pferd die Rede, aber man nimmt mal an, daß es sich nicht um einen Ford Lincoln handelt) eigenhändig lenkt! Nie und nimmer beruht das auf Wahrheit!! In England war es üblich, daß auf dem Lande couragierte Ladies eigenhändig ihren Phaeton, ihr Carriol kutschierten. In Deutschland hatte eine Dame dieses gesetzten Alters ihren Kutscher für so was. Und sie hätte niemals angehalten, ein Vagabundenpärchen, staubbedeckt und scheinbar hochschwanger, mitzunehmen.

Und dann dieses höchst dubiose Pärchen, die Sache mit dem Aus-der-Hand-Lesen – alles sehr, sehr an den Haaren herbeigezogen. Genauso wie auf S. 133 die Behauptung (von wem mag sie wohl diesen Unsinn herhaben?), die Burg des Drachentöters Siegfried habe im Siebengebirge gestanden. Oder bin ich da die Uninformierte?

Um endlich zum Schluss zu kommen (meine Maschine ist mittendrin kaputt gegangen und die neue ist noch unvertraut) - möchte ich einen Landsmann der Miss Hill zitieren, nämlich Oscar Wilde: „Wenn eine Frau von den Männern stehengelassen wird, wird ihr Geist lasterhaft.“ Ich wage zu behaupten, daß es ein Wunschtraum von Miss Hill war, den sie sich nur schreibend erfüllen konnte, von buchstäblich JEDEM Kerl in Hosen begehrt und belästigt zu werden, der ihren Weg kreuzt. Denn auch der Kutscher kann sie nicht in Ruhe lassen, so daß sie sich den Bauch auspolstert.

Und, das noch schnell nebenbei, aber für mich sehr aufschlussreich: Als sie den immer mehr derangierten Aufzug ihrer Person registriert - keine einzige Bemerkung über den Hut!!!! Damals ging keine Dame einen Schritt außer Haus ohne ihre Schute! Man sieht das z.B. auch auf den Zeichnungen Thackereys.

Daß der „Bräutigam“, der plötzlich wie der Teufel aus der Schachtel auftaucht, ebenfalls eine mehr als seltsame Person ist, ein Bündel von Widersprüchen, passt in das allgemeine Bild.

Ich sage also kühn: es gab ein schlichtes, nüchtern und gewissenhaft geführtes Jungmädchentagebuch neben dem viel wichtigeren Skizzenbuch. Das hat Miss Hill von ihrem Edinburgher Rollstuhl aus á la Marlitt nach Kräften angereichert, je mehr Erotik, desto besser. Aber offensichtlich haben selbst die zeitgenössischen Verleger das Resultat als das erkannt, was es war - ein Schmarrn, der hinten und vorne nicht stimmte. Und „Nein danke!“ zum Manuskript gesagt.

Schade, daß man es nicht am Original-Tagebuch nachweisen kann, wie hier gepfuscht worden ist. Aber was „hülfe“ es?

Das alles ist, wie gesagt, meine private unmaßgebliche Meinung. Ich räume ein, daß sich sicher dies und das berichtigen und viell. sogar erklären ließe. Falls Sie irgendwas verwenden können/möchten, muß mein Name nicht genannt werden. Meine schriftlichen Aktivitäten liegen auf anderen Gebieten.

Mit freundlichem Gruß

gez. Karla Schneider




 
 
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