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Rezension II-1

Bodewig-Edition > Band II


Rezension von Oberbibliotheksrat Gottfried Pahl M.A., Dausenau

in: "Nassauische Annalen" 117.2006
und
in: "Heimatjahrbuch des Rhein-Lahn-Kreises 2008"


Nachdem bereits 1998 Bd. 1 der Bodewig-Edition erschienen ist (vgl. die Besprechung im Heimatjahrbuch 2000, S. 186f.) liegt jetzt mit dem zweiten und abschließenden Band das Gesamtwerk des Lahnsteiner Forschers vollständig als Nachdruck vor. Während Bd. 1 die größeren und bekannteren Schriften zur Limesforschung und der eisenzeitlichen sowie frühneuzeitlichen Geschichte des Lahnsteiner Raumes enthält, beinhaltet der Folgeband die kleineren Schriften, Kurzbeiträge und Miszellen aus zahlreichen Zeitschriften und Sammelwerken, aber auch bisher nicht publizierte Materialien, Biographisches sowie neuere Forschungsergebnisse.

Der 2. Bd. ist in vier Kapitel gegliedert. Unter Kleinere Schriften findet man in chronologischer Abfolge zahlreiche Aufsätze und Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte und Archäologie Lahnsteins und des angrenzenden Mittelrhein-Gebietes sowie zur Geschichte Lahnsteins; aber auch unveröffentlichte Dokumente, so einen umfangreichen Briefwechsel in Sachen Limesforschung, hauptsächlich mit Felix Hettner in Trier, dem Archäologischen Dirigenten der Reichslimeskommission. Hinzu kommen mehrere Manuskripte zur Lahnsteiner Geschichte, die bislang gänzlich unbekannt waren. Den bemerkenswerten Briefwechsel und die Manuskripte hätte man in einem eigenen Kapitel Unveröffentlichte Schriften besser herausstellen können.

Im Kapitel Leben steht die Biographie Bodewigs im Vordergrund, verfasst von Hans G. Kuhn, dem Bearbeiter der Gesamtedition. Sie erwies sich als ein schwieriges Unterfangen, daher vom Verfasser als Versuch einer Biographie bezeichnet, weil Bodewigs gesamter Nachlass vorsätzlich vernichtet wurde. Zwei Nekrologien mit sehr aufschlussreichen persönlichen Erinnerungen der Museumsdirektoren Adam Günther (Koblenz) und Emil Ritterling (Wiesbaden) runden diesen Abschnitt ab.

Unter der Bezeichnung Werk, die hier etwas missverständlich ist, da es sich nicht etwa um die Werke Bodewigs handelt, werden seine wichtigsten archäologischen Forschungsfelder im Lichte der neueren Forschung erörtert. In zusammenfassenden Beiträgen referieren namhafte Fachleute den derzeitigen Wissenstand. Die Artikel von Hans-Helmut Wegner (Das römische Koblenz und Die Römische Besiedlung im Koblenzer Stadtwald), Cliff A. Jost (Limes und Kastelle), Hans-Eckart Joachim (Keltische Siedlungen) und Horst-Wolfgang Böhme (Spätrömische Zeit) sind daher eine wertvolle Aktualisierung und Bereicherung der Bodewig-Schriften. Derartige Beiträge wünscht man sich generell bei Reprints als Brücke zum Forschungsstand der Gegenwart. Sie sind gegenüber dem bloßen Nachdruck ein wesentliches Qualitäts- und Unterscheidungsmerkmal, zumal wenn sie von ausgewiesenen Experten erstellt wurden.

Ein umfangreicher Apparat zur inhaltlichen Erschließung beider Bände rundet das Werk ab. Er enthält u.a. eine Bibliographie, ein sehr hilfreiches Glossar, ein Sach-, Personen- und ein Geographisches Register. Die sehr detaillierten Register umfassen allein rund 100 Seiten. Es ist unverkennbar, dass dem Bearbeiter die Erschließung ein besonderes Anliegen war. So finden sich z.B. im Sachregister ‚siehe-auch‘-Verweisungen auf verwandte und untergeordnete Begriffe. Das Personenregister ist mit Lebensdaten, Berufsangaben u.ä. angereichert. Im Geographischen Register werden nicht nur die Ortschaften, sondern einzelne Straßen, Gebäude etc. ausgewiesen. Die große Zahl der Orte aus dem Kreisgebiet weist daraufhin, dass Bodewigs Forschungen durchaus nicht nur auf Lahnstein, Braubach und Ems beschränkt waren. Hier können Heimathistoriker Neues zu ‚ihrem’ Ort entdecken.

Die Tücken der Technik führten leider dazu, dass die Seitenangaben im Geographischen Register insgesamt fehlerhaft sind. Ein Ärgernis, auf das der Herausgeber löblicherweise sofort mit einem berichtigen separaten Neudruck reagiert hat. Wer Bd. 2 bereits erworben hat, kann das korrigierte Geographische Register kostenlos beim Herausgeber (Lahneckstraße 12, 56112 Lahnstein) anfordern.

Das verspätete Erscheinen des 2. Bandes – er war für 2000 angekündigt – hat dem Projekt keinen Abbruch getan. Durch die zwischenzeitliche Ausweisung des Limes als Weltkulturerbe ist auch an Bodewig, der sich überregional als Limesforscher einen Namen gemacht hat, neues Interesse erwacht. Wenn in Kürze das Standardwerk der Reichslimeskommission, Der Obergermanisch-Rätische Limes des Römerreiches (14 Bände) als Reprint vorliegt, werden Bodewigs Kastellbeschreibungen (Hunzel, Heddesdorf, Marienfels, Ems), sowie seine beiden Streckenbeschreibungen vom Rhein zur Aar (bearbeitet von Oscar von Sarwey) erneut zum Nachdruck kommen. Allein diese Tatsache unterstreicht seine Bedeutung als Archäologe und Forscher.

Aus der verspäteten Drucklegung des zweiten Bandes resultieren zwei konzeptionelle Änderungen. Der ursprünglich vorgesehene Beitrag über den Altertumsverein (s. Vorwort Bd. 1) fehlt im 2. Bd. Er wurde inzwischen anlässlich des 125-jährigen Jubiläums des Vereins 2005 als eigene Schrift herausgegeben (125 Jahre Lahnsteiner Altertumsverein, Lahnstein 2005).

Nicht realisiert wurde der angekündigte Beitrag zum Bodewig-Museum, um dessen Wiedereinrichtung der Altertumsverein jahrelang vergeblich gekämpft hat. Auf diese Chronik war verzichtet worden, um die Wiedereinrichtung des Museums nicht zu gefährden; sie soll zu einem späteren Zeitpunkt gesondert erscheinen. Die Stadt hatte das Museum als Stiftung des Gründers bis in den 2. Weltkrieg hinein betrieben, danach aber anderen Zwecken zugeführt. Unter Hinweis auf die leeren Kassen der Kommune wollte diese lediglich das Gebäude zur Verfügung stellen; personelle und sachliche Ausstattung sowie alle finanziellen Risiken hätte der Verein schultern müssen, was diesen – zumindest vorläufig – zur Aufgabe seiner Bemühungen gezwungen hat. Bei allem Verständnis für die Finanzlage Lahnsteins ist der Eindruck kaum zu entkräften, dass letztlich der Mangel an politischem Willen und ein Desinteresse an der Sache die Wiederbelebung des Museums verhindert hat. So ist die einmalige Chance vertan, mit dem Museum in Lahnstein ein Bindeglied zweier Weltkulturerbe – Mittelrhein und Limes – zu präsentieren.

 
 
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