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Rhein-Zeitung, 15.9.2005

„Idilia“: So schön kann Moderne sein

Großartige Uraufführung auf Ehrenbreitstein


von Claus Ambrosius


Koblenz. Steht zeitgenössische Oper auf dem Programm, bleibt das Publikum gerne weg. Kein Wunder: Werden wie zuletzt am Mainzer Staatstheater mit Frederik Zellers „Zaubern“ Werke geboten, die rein konstruktivistisch und ohne Rücksicht auf Musiker und Publikum verfasst, können nur bildstarke Inszenierungen retten. Doch in der zeitgenössischen Musik gibt es eine Gegenbewegung, der auch der junge Komponist Mark Moebius angehört: Er findet immer wieder tonale Zentren, arbeitet bald mit avancierten Mitteln, bald mit hemmungslosen Zugriffen auf die Musikgeschichte. In seiner Oper „Idilia“, die mit grandiosem Erfolg in der übervollen Festungskirche Ehrenbreitstein uraufgeführt wurde, hört man es immer wieder kräftig wagnern und strausseln: Mit kleinem Orchesterapparat erzeugt er eine Rheinromantik, die zwischen „Rheingold“, „Ariadne auf Naxos“ und dem Antonia-Akt von „Hoffmanns Erzählungen“ oszilliert, ohne zu kopieren.

Ein Ohrenschmeichler


Der 32-jährige Berliner nutzt die Gnade der späten Geburt: Vor wenigen Jahren noch wäre einem jungen Komponisten eine so gefällige, immer wieder gar ohrenschmeichlerische Schöpfung als eklektizistisch um die Ohren gehauen worden. Dabei steht seine große handwerkliche Kunst und sein großes Instrumentierungsgeschick - wie auch sein großer Humor - außerhalb jeden Zweifels. Der Krimiautor Christian Pfarr hatte die Idee zu „Idilia“, der Komponist konfrontierte die Geschichte um die auf einem Burgturm am Rhein qualvoll sterbende junge Schottin mit der Loreleysage: Das könnte leicht ins Auge gehen. Dass das Auftreten Heinrich Heines, der in Idilia die neue Loreley erkennt, nicht peinlich wird, besorgt auch die Inszenierung des Mainzer Intendanten Georges Delnon, der auf dem Raum einer Telefonzelle mehr Spannung verdichtet als mancher auf der Salzburger Riesenbühne. Auf einem weißen Gerüst liegt Idilia, dieser „Turm“ gibt bald auch Vater Rhein frei, der sich zusammen mit Heinrich Heine ihres morbiden Gesanges erfreut.

Erste Kulturerbe-Oper


„Idilia“ war beim „Singing Summer“ der Mainzer Hochschule für Musik als Auftragskomposition von Staatssekretär Roland Härtel, Beauftragter für das Weltkulturerbe Oberes Rheintal, erarbeitet worden: Unglaublich, wie viel in kürzester Zeit mit geringen Mitteln realisiert wurde. Marius Stieghorst leitet ein diszipliniertes Instrumentalensemble und einen hervorragenden Chor, die jungen Sänger verblüffen: Hubert Wild (Heine) ist als Countertenor und Bariton gleichermaßen intensiv, Diana Schmid lässt als bleicher Gevatter Tod (Verlorene Stimme) das Blut in den Adern gefrieren, Nicola Christov ist ein Vater Rhein im Wotan-Format. Über allem schwebt der ätherische und doch kräftige Sopran Chen Wangs, die als Idilia/Loreley vokal und darstellerisch eine atemberaubende Figur macht. …

Ein praller Abend, der den Wunsch nach mehr Idilia-Vorstellungen nährt.

 
 
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