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SchUM-Städte 2013

Vereinschronik > Reiseberichte

Eine Studienfahrt in die SchUM-Städte

Dienstag, 10.September, bis Donnerstag, 12. September 2013

Im Jahr des 75-jährigen Gedenkens an die Reichspogromnacht hat der Lahnsteiner Altertumsverein sein Jahresprogramm der Geschichte des Judentums im heimischen Raum gewidmet. Neben vier Vorträgen und drei Exkursionen stand auch eine Studienfahrt in die SchUM-Städte auf dem Programm, um die Vergangenheit zu entdecken, ohne deren Kenntnis ein Verständnis für die historischen Abläufe und gegenwärtigen Zustände nicht möglich ist. Für jede der drei Städte hatte Vorsitzender Hans G. Kuhn ein kompaktes Programm erarbeitet, das einen Einblick sowohl in die Vergangenheit als auch in die Gegenwart ermöglichte.

Die Abkürzung „SchUM" steht für die hebräischen Namen der drei Städte, die die Zentren der mittelalterlichen jüdischen Kultur Europas waren:

                                         Sch [Schin] steht für „Schpira“   = Speyer
                                             U [Waw] steht für „Warmaisa“ = Worms
                                             M [Mem] steht für „Magenza“   = Mainz

 

hier das Programm:

 
 

Teil 1: Mainz

Teil 2: Worms

Teil 3: Speyer

hier der dreiteilige Reisebericht im Rhein-Lahn-Kurier:

. . . und hier die Berichte

1. Tag: Mainz - Magenza



In Mainz, der ersten Station der Reise, stand als erstes der Besuch in der neuen Synagoge an.



Stella Schindler-Siegreich, die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Mainz, begrüßte die Lahnsteiner Gruppe und skizzierte kurz die Geschichte jüdischen Lebens in der heutigen Landeshauptstadt, das schon über 1000 Jahre zurückführt. Eine mittelalterliche Urkunde datiert die Existenz jüdischer Mitbürger sogar schon in römische Zeit. Nach den furchtbaren Pogromen im Verlauf des ersten Kreuzzuges 1096 bildete Mainz zwischen dem 11. und dem 14. Jahrhundert zusammen mit Worms und Speyer ein europäisches Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit. Berühmte und noch heute verehrte Rabbiner forschten und lehrten hier. Unter ihnen war Rabbi Meschullam ben Kalonymos (um 1100) von besonderer Bedeutung. Nachdem die Juden 1435 vom Erzbischof aus Mainz vertrieben worden waren, dauerte es fast 200 Jahre bis sich wieder eine nennenswerte Gemeinde im Mainz ansiedelte. Repressalien wie Schutzgelder, Nichtaufnahme in die Zünfte und Einschränkungen auf bestimmte Handelsgüter erschwerten ihr Leben. Erst durch napoleonische Gesetzgebung verbesserten sich ihre Lebensbedingungen. Mit der Reichsgründung 1871 waren sie gänzlich emanzipiert, doch dauerte diese relativ unbeschwerte Zeit gerade mal gut 60 Jahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten 24 (von fast 3.000 im Jahr 1933) überlebende Mainzer Juden wieder zurück und gründeten ihre Gemeinde neu. Heute zählt sie durch den Zuzug von jüdischen Emigranten aus den GUS-Staaten knapp über 1.000 Mitglieder aus dem Rabbinat Mainz-Worms-Rheinhessen.

   


Im Anschluss an diesen historischen Exkurs führte Frau Schindler-Siegreich die Lahnsteiner Gruppe in den Betsaal der Synagoge, die am 3. September 2010 feierlich eröffnet worden ist. Sie steht genau am gleichen Platz wie die Synagoge von 1912, die schon 26 Jahre später in der Reichspogromnacht zerstört worden war. Der an gleicher Stelle errichtete Bau des Hauptzollamts war für den Neubau der Synagoge abgerissen worden. Der vom dem Kölner Architekten  Manuel Herz entworfene futuristisch anmutende Bau hat die Kontur der hebräischen Buchstaben für das Wort „Keduscha" = Heiligkeit.
Der Betsaal erhält sein Tageslicht von nach Osten (aus Richtung Jerusalem) weisenden Fenstern.  Seine Wände sind mit Platten verkleidet, deren Oberflächenmuster wie hebräische Schriftzeichen anmutet; in etlichen freien Flächen sind Bibelsprüche in „echter" hebräischer Schrift eingeprägt.

    


Frau Schindler-Siegreich erläuterte den Ablauf eines jüdischen Gottesdienstes, in dessen Mittelpunkt die Lesung aus der Thora (Gebot, Weisung, Belehrung) steht. Hierzu öffnete sie den Thora-Schrank und erklärte Anfertigung und Herkunft der vier kostbaren Rollen, für die ein Sofer (Thora-Schreiber) fast ein ganzes Jahr braucht.

Von der Synagoge ging es auf den Jüdischen Friedhof in der Unteren Zahlbacher Straße, der 1880 direkt neben dem allgemeinen Friedhof angelegt worden ist. Hier erläuterte Frau Schindler-Siegreich den jüdischen Bestattungsritus, zu dem auch die Waschung des Leichnams in der Trauerhalle gehört. Dieser Bau von 1881 ist im maurischen Stil der damaligen Zeit errichtet worden.

    

Die zum Teil prächtigen Grabstätten zeugen von einer glücklichen Epoche der Mainzer Juden, in der sie völlig gleichberechtigte, anerkannte und geachtete Mitbürger waren.





Mit einem herzlichen Dank nahmen die Lahnsteiner Reisenden Abschied von Stella Schindler-Siegreich, der allerdings nur kurz sein sollte, da sie der Gruppe bereits am nächsten Tag im Worms die Geschichte der Wormser Juden vermitteln würde.

   
Grabstätte eines Cohen (segnende Hände), eines Leviten (Wasserkanne)
und eines Neubürgers aus Russland (v.l.n.r.)


Nach einer Mittagspause im Mainzer Domviertel stand ein ganz besonderes Kapitel christlich-jüdischer Versöhnung auf dem Programm: In der Pfarrkirche St. Stephan befinden sich im Chor Fenster des weltberühmten jüdischen Malers Marc Chagall. Sie sind sozusagen das Lebenswerk von Klaus Mayer, der von 1965 bis 1991 Pfarrer an der von Erzbischof Willigis gegründeten Pfarrkirche St. Stephan war.



Der 1923 geborene Katholik, Sohn eines jüdischen Vaters, konnte in Mainz noch sein Abitur machen und besuchte anschließend die Fremdsprachenschule in Hamburg. Nur durch einen Zufall entging er 1945 der Deportation in ein Vernichtungslager. Nach dem Krieg studierte er im Mainzer Priesterseminar und wurde 1950 zum Priester geweiht. Nach mehreren Jahren als Kaplan im Rheinhessischen kam er 1965 nach Mainz zurück und widmete sich als Gemeindepfarrer dem Wiederaufbau der stark beschädigten Kirche St. Stephan. Da ihm Völkerverständigung, Frieden und die Versöhnung zwischen Juden und Christen, Deutschen und Franzosen sowie Deutschen und Russen eine Herzensangelegenheit war, suchte und fand er 1973 den Kontakt zu Marc Chagall (gebürtiger Russe, Wahl-Franzose, Jude). Mayer konnte den zu jener Zeit bereits 86-jährigen Künstler, der seine Schaffenszeit bereits als abgeschlossen sah, dafür gewinnen, ein einzigartiges Kunstwerk großer Ausstrahlungskraft zu schaffen. Nach seinem Tod 1985 führte sein Schüler Charles Marq die Arbeiten zu Ende, für die Chagall sozusagen auf dem Totenbett die letzten Entwürfe gezeichnet hatte.



Mit dem päpstlichen Ehrentitel „Monsignore" und vielen weltlichen Orden ausgezeichnet, ist Klaus Mayer auch als Ruheständler immer noch für „seine" Fenster da: Der 90-jährige erläuterte den staunenden Gästen aus Lahnstein fast zwei Stunden lang den methodisch-didaktischen Aufbau der Fenster, dessen künstlerische Umsetzung und religiöse Aussage.

 


Nach lang anhaltendem Applaus und einer Spende für den Erhalt der Fenster brachte der Bus die Reisegruppe nach Worms, wo am nächsten Tag weitere Höhepunkte auf dem Programm standen.

2. Tag: Worms - Warmaisa

In Worms erwartete Stella Schindler-Siegreich die Lahnsteiner Gruppe auf dem alten Jüdischen Friedhof „Heiliger Sand", dem ältesten jüdische Friedhof Europas. Er wurde im ersten Drittel des 11. Jahrhunderts - entsprechend den religiösen Vorschriften - vor dem Mauern der Stadt angelegt.

   

Der älteste der gut 2000 erhaltenen Grabsteine stammt aus dem Jahr 4819 jüdischer Zeitrechnung (= 1058/59), der jüngste aus dem Jahr 1937. Seit 1911 werden die jüdischen Mitbürger am Rande des Wormser Hauptfriedhofs Hochheimer Höhe bestattet. Seinen Namen bekam der „Heilige Sand", weil er hoch mit Sand bestreut war, der aus Jerusalem nach Worms geschafft worden war - ein Zeugnis für den Reichtum der Wormser Juden jener Zeit.

Frau Schindler-Siegreich erläuterte die augenfällige Veränderung in der Gestaltung der Grabdenkmäler. Waren die Grabsteine ursprünglich alle gleich und recht einfach, passten sich die Juden im Verlauf der Zeit den allgemeinen Gewohnheiten der christlichen Mehrheit an und gestalteten zum Teil prachtvolle Grabdenkmäler. Als wesentlicher Unterschied aber blieben die Inschriften bestehen, die die Verehrung der Verstorbenen und die Liebe zu ihnen dokumentieren.



Ein sehr wichtiger Bestandteil des Friedhofs sind Gräber von berühmten jüdischen Gelehrten. Vor allem an den nahe dem Eingang gelegenen Grabsteinen von Rabbi Meir von Rothenburg (1220-1293) und Alexander ben Salomon Wimpfen († 1307) ist dies an den vielen Gebets- und Wunschzetteln zu erkennen, die - mit Steinen beschwert - von frommen Pilgern auf den Grabsteinen niedergelegt werden.


Die Grabsteine von
R
abbi Meir von Rothenburg (links) und Alexander ben Salomon Wimpfen (rechts)

Zum Abschluss führte Stella Schindler-Siegreich die Lahnsteiner Gruppe ins „Rabbinen-Tal", einer Senke im südlichen Teil des Friedhofs. Hier liegen die Gräber von berühmten Rabbinern aus dem 14.-17. Jahrhundert, die auch immer wieder von Pilgern besucht werden: u.a. Nathan ben Isaak († 1333), Jakob ben Moses ha-Levi († 1427), Meir ben Isaak († 1511) und Elia Loanz († 1636).

Nach diesen Eindrücken besonderer Art - allgemeine Friedhöfe weisen nur wenige Jahrzehnte alte Gräber auf - ging es ins ehemalige Judenviertel, dessen Charakter  sich nach der Sanierung vor 30 Jahren wieder erahnen lässt.


Judengasse                                                           Synagogenplatz               

In der Judengasse im Nord-Ost-Bogen der mittelalterlichen Stadtmauer liegt auch der Synagogenplatz, an dem bereits 1034 die erste Wormser Synagoge erbaut worden war. Sie wurde aber schon gut 60 Jahre später bei den Pogromen im Zuge des Ersten Kreuzzuges zerstört, lediglich die steinerne Stiftungstafel ist noch erhalten. Mit Unterstützung des Wormser Bischofs wurde 1174/75 durch die Baumeister der Dombauschule ein romanischer Neubau erstellt, an den 1212/13 eine „Frauensynagoge" und 1185/86 einer unterirdischen Mikwe (Ritualbad) angebaut wurden.

   
Seitenansicht der Frauensynagoge         Im "Treppenhaus" der Mikwe            Tauchbecken der Mikwe


Nach weiteren Pogrome während der Pestzeiten wurden etliche Umbauten erforderlich. Nach 300 Jahren wurde die Synagoge in der NS-Zeit niedergebrannt und verwüstet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie - zum Teil mit Originalbauteilen - wiedererrichtet und 1961 neu geweiht. Die jüdische Kultusgemeinde Worms ist erloschen, in der Synagoge werden aber wieder Gottesdienste gefeiert; die Gemeinde ist fusioniert mit der Gemeinde in Mainz.
In der Synagoge gab Frau Schindler-Siegreich  einen kurzen Überblick über die Geschichte der Wormser Judenschaft, die - wie auch die in Mainz und Speyer - erst mit den furchtbaren Pogromen im Verlauf des ersten Kreuzzuges 1096 beurkundet ist. Eine wesentlich frühere Existenz einer jüdischen Gemeinde ist allerdings anzunehmen; der Sage nach soll sogar bereits 300 v. Chr. eine jüdische Gemeinde in Worms existiert haben.
Im Bund der SchUM-Städte mit Mainz und Speyer bildete Worms zwischen dem 11. und dem 14. Jahrhundert zusammen mit Mainz und Speyer das europäisches Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit. Berühmte und noch heute verehrte Rabbiner forschten und lehrten hier. Unter ihnen war der aus Troyes (ca. 150 südöstlich von Paris) stammende Rabbiner Schlomo Jizchaki (Salomo ben Isaak) - kurz: Raschi (1040-1105), der berühmteste und noch heute maßgebliche Kommentator des Pentateuch und des Talmuds, auf den sich sogar christliche Theologen beriefen. Von ihm berichtete Stella Schindler-Siegreich ihren Gästen in der sog. Raschi-Kapelle, einer 1624 an die Synagoge angebauten Jeschiwa (Lehrhaus), in dem der berühmte Rabbiner gelehrt haben soll. Eine Bronzeskulptur vor der Synagoge erinnert an ihn.

 
Rückansicht der Synagoge mit Raschi-Kapelle                                                      In der Raschi-Kapelle

Nach einem Blick in die Mikwe führte der Gang in das nahegelegene Raschi-Haus, in dem das Wormser Stadtarchiv und das Jüdische Museum untergebracht sind. Auch hier hatte Frau Schindler-Siegreich der Lahnsteiner Gruppe vieles Interessante  zur Geschichte der Wormser Juden zu berichten, ehe sie mit anhaltendem Applaus verabschiedet wurde. Vorsitzender und Reiseleiter Hans G. Kuhn bedankte sich bei ihr mit warmen Worten für ihre sachlich aber vielmehr auch menschlich großartige Begleitung in Mainz und Worms.
Nach der Mittagspause in der Wormser Innenstadt stand als letzter Punkt an diesem Tag ein Besuch im Wormser Dom auf dem Programm. Von den Stufen aus, auf denen der Sage nach Kriemhild und Brunhild den Untergang der Nibelungen programmierten, wurden die Lahnsteiner Reisenden in zwei Gruppen um und durch den imposanten romanischen Dom geführt.
Nach dem Abendessen im Hotel begab man sich zur verdienten Nachtruhe, um Kraft zu sammeln für das Programm des nächsten Tages in Speyer.

3. Tag: Speyer - Schpira

In Speyer, der dritten Station der Reise, war wieder ein Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart geschlagen: mittelalterlicher Judenhof und neue Synagoge.
Vor dem Besuch im Judenhof hatte die Lahnsteiner Gruppe noch Zeit für einen kurzen Blick in den Dom, in dessen Schatten Bischof Rüdiger Huzmann schon im 11. Jahrhundert Juden ansiedelte, die vor den Kreuzzugspogromen aus Mainz geflohen und im ursprünglichen Ghetto in Altspeyer nicht mehr sicher waren. Unter den aufgenommenen Juden waren Bankiers und Fernkaufleute aus Italien und Frankreich, die Verbindungen nach Südeuropa und in den Nahen und Fernen Osten hatten, so dass Bischof Rüdigers heimlicher Wunsch in Erfüllung ging: Speyer blühte wirtschaftlich auf.
Durch die erteilten Privilegien hatte sich eine blühende Gemeinde von wohl 300-400 Menschen entwickeln können, die - im Bund der „SchUM-Städte" mit Worms und Mainz - das europäische Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit bildete. Diese gut 300 Jahre währende Blütezeit wurde durch die  Pogrome im Pestjahr 1349 aus widersinnigen Motiven beendet: Die Juden sollten an der Pest Schuld sein; die geringere Anfälligkeit gegen die Pest wurde ihnen zur Last gelegt, obwohl überwiegend ihre religiösen Speisevorschriften und Reinheitsgebote sie vor den die Pest übertragenden Rattenflöhen schützte. Von diesem schweren Schlag erholte sich die Gemeinde nie mehr. Wiederholte Pogrome, Verbote und Einschränkungen und schließlich 1435 die Verweisung aus der Stadt ‚auf ewig’ brachten die Speyerer Gemeinde zum Erlöschen. Erst im 19. Jahrhundert sollte wieder anwachsen. Doch der anwachsende Rassenwahn manifestierte sich in Speyer früher als anderswo, so dass die Emigration hier bereits Anfang der 30-er Jahre einsetzte. Von den 1939 hier noch 77 jüdischen Mitbürgern wurden fast alle ermordet.
In Sichtweite des Doms erlebte die Lahnsteiner Gruppe im Judenhof in der Kleinen Pfaffengasse eine sehr engagierte Führung. Die beiden Synagogen von 1096 (für Männer) und 1354 (für Frauen) gelten als älteste Zeugnisse jüdischer Sakralarchitektur nördlich der Alpen. Sie wurden immer wieder zerstört oder beschädigt und immer wieder aufgebaut. Schließlich wurden sie nach dem 30-jährigen Krieg aufgegeben. Von der 1899 abgerissenen Ruine sind nur noch Mauerreste erhalten, die nach dem Zweiten Weltkrieg freigelegt und restauriert wurden.



 


Anders die Mikwe, die kurz nach 1100 - wohl auch von den Dombaumeistern - erbaut worden war und die älteste erhaltene Mikwe in Mitteleuropa ist. Nur durch zufällige Nutzung als Lagerraum entging sie der Zerstörung. Die Besucher aus Lahnstein stiegen die Treppe zum Eingang hinab, der ehemals auf Straßenniveau gelegen hatte, und zu dem in zehn Metern Tiefe liegenden Wasserbecken. Blankpolierte Steinbänke im Warte- und Umkleidebereich zeugen von einer jahrhundertelangen Nutzung. Nach der intensiven Reinigung mit warmem Wasser außerhalb der Mikwe mussten die Gläubigen hinuntersteigen und in das 10 Grad kalte Wasser eintauchen, um ihre rituelle bzw. spirituelle Reinheit zu erlangen. Das Untertauchen symbolisiert Wiedergeburt und Neuschöpfung. Auf diese rituelle Handlung und ihren Sinn ist wohl auch die christliche Taufe zurückzuführen.



Der Stadtführer führte die Lahnsteiner ins Museum Schpira, in dem u.a. Fenster, Architekturelemente, Münzen, Bodenfliesen, ein Modell der Mikwe und auch einige sehr alte Grabsteine ausgestellt sind.





Einen alten jüdischen Friedhof gibt es nicht mehr in Speyer. Zwei Friedhöfe aus dem frühen und späten 19. Jahrhundert wurden von Nazi-Horden nicht nur geschändet, sondern völlig zerstört, ebenso die neue Synagoge. Seit Oktober 1999 gibt es - angrenzend an den allgemeinen Friedhof - einen neuen jüdischen Friedhof, der zu den wichtigsten Teilen des Rituallebens einer jüdischen Kultusgemeinde zählt.

Nach der Mittagspause in der Innenstadt trafen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der neuen Synagoge „Beith-Schalom" (Haus des Friedens) am St. Guido-Stifts-Platz. Dort erwartete sie die Gemeindereferentin und erläuterte ihnen den Bau und das rituelle Gemeindeleben. Das neue Gotteshaus ist nach gut zweijähriger Bauzeit am 9. November 2011 feierlich eröffnet worden. Es steht auf dem Grundstück der nicht mehr genutzten Kirche St. Guido. Die gut 650 Gläubigen der Jüdischen Gemeinde der Rheinpfalz (Sitz in Speyer) haben nun wieder eine spirituelle Heimat.

 


Die gut 90 Minuten vergingen wie im Flug - so interessant und lebhaft waren der Vortrag und die Antworten auf die Fragen der Lahnsteiner. In seinen Dankesworten wies Reiseleiter und Vorsitzender Hans G. Kuhn erneut darauf hin, dass sich die jüdische und die christliche Religion nahezu nur in der Rolle von Jesus von Nazareth als Messias unterscheiden. Zu Bekräftigung sprach Reiseteilnehmer Elmar Ries, der an der Koblenzer Synagoge Unterricht in Deutsch und jüdischer Religion erteilt, zwei jüdische Gebete, die auch christliche sein könnten.
Auf der Heimreise bedankte sich Kuhn für das Interesse an der Reise. Es sei ihm darauf angekommen, sich der Thematik „Holocaust" über historische Fakten zu nähern: Abneigung gegen das Fremde und religiöser Wahn haben eine Minderheit ins Abseits gedrängt, in dem sie sich im Rahmen seiner Möglichkeiten arrangierte. Innerhalb der genutzten Nischen haben die Juden Fähigkeiten entwickelt, die d christliche Mehrheit nicht hatte. Die von Napoleon eingeläutete Emanzipation und die politischen Verhältnisse der aufkommenden Nationalstaaten im 19. Jahrhundert hätten dann die Suche nach Sündenbocken ausgelöst, die man dann irrwitziger Weise in den jüdischen Mitbürgern zu finden meinte. Aus diesen Kenntnissen der Vergangenheit müsse, so Kuhn, die Gegenwart verstanden und für die Gestaltung der Zukunft gelernt werden: Das Fremde ist für eine selbstbewusst gefestigte Gesellschaft keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung.
Auch in diesem Sinne dankte Vorstandsmitglied Georg Eberle im Namen aller Mitreisenden Kuhn für die so gut gelungene Organisation der Reise. - Mit einem Ausblick auf die beiden anstehenden Vorträge zur Geschichte der Juden am Mittelrhein und die geplante Studienfahrt in den Saargau in 2014 endete ein unvergesslicher Höhepunkt des Programmjahres 2013.

 
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